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Thema: 9. November – Ein Deutscher Tag

icon1 9. November – Ein Deutscher Tag Datum: 09.11.2008, 19:01
Wilfried John (Silber Super-Member)
9. November – Ein Deutscher Tag

Die Geschichte lehrt, dass sich Menschen und Nationen erst dann klug
verhalten, wenn alle anderen Möglichkeiten erschöpft sind.

Abba Eban, israelischer Politiker.


Es gibt viele Gedenktage… und das nicht nur in unserem Lande, sondern
überall auf der Welt. Neuerdings gibt es sogar internationale, von den
UN ausgerufene, Gedenktage, die weltweit an dies oder jenes erinnern
sollen.

Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, dass z.B. daran gedacht
werden soll, Bücher zu lesen oder auf die Reinerhaltung von Wasser zu
achten; grundsätzlich wäre sogar nichts gegen einen Gedenktag für
Gedenktage einzuwenden.

Regelrecht inflationär steigt auch die Zahl der Jahrestage… wobei das
aber auch gewissermaßen natürlich ist, insofern die Ereignisse, deren
geschichtliches Datum sich jährt, desto zahlreicher sind, als eben unsere
nähere Vergangenheit voll von erinnernswerten Ereignissen ist.

Nun könnte man einfügen, dass auch eine Vielzahl von Jahrestagen
begangen werden (und ich benutze das Wort begangen, im Sinne von
eine Untat begehen, sehr bewusst), deren geschichtlicher Gehalt kaum
bis gar nicht bemerkenswert ist.

Es drängt sich mir der Verdacht auf, dass es bei der Einrichtung solcher
Tage, da es sich bei Gedenk- und Jahrestagen um eine Art der
Geschichtsschreibung oder des historischen Erinnerns handelt, ebenso
wie bei der allgemeinen Geschichtsschreibung selbst, um eine
interessengeleitete Art von Vermittlung bestimmter Sichtweisen geht.

Darüber, dass die aufgeschriebene Geschichte immer so etwas wie die
Geschichte der Sieger ist, habe ich im Zusammenhang mit einigen
Buchbesprechungen (explizit bei Eduardo Galeano – siehe auch in
meinen Rezensionen auf http://www.wolfskreis-lyrics.de ) schon
mehrfach geschrieben.

Heute wird im offiziellen Deutschland dem 70. Jahrestag der sog.
Reichspogromnacht gedacht. Agitiert vom Reichspropagandaminister
Joseph Goebbels, wurden im gesamten Deutschen Reich von
organisierten Rollkommandos der Nazis Synagogen in Brand gesteckt,
Geschäfte und Wohnungen von Juden geplündert und jüdische Friedhöfe
geschändet.

In jener Nacht wurden 91 Juden ermordet und 26000 in Konzentrationslager
verschleppt. Dieser barbarische Akt geschah vor den Augen des ganzen
Deutschen Volkes, doch kaum jemand gebot dem Treiben Einhalt.

Fälschlicherweise wird heute allenthalben in Gedenktagsreden von einem
Pogrom gesprochen. Es ist zwar richtig, dass das Wort im historischen
Bezug für Judenverfolgung gebraucht wird, doch steht es für
Gewalttaten, Hetze, Plünderungen und Unterdrückung von Juden im
zaristischen Russland im 19. Jahrhundert – was sich aber meist spontan
und lokal vereinzelt ereignete.

Davon kann für den 9. November 1938 keine Rede sein! Das war eine
von langer Hand vorbereitete Aktion, der jede Spontaneität abgesprochen
werden kann. Auch wenn offiziell das Attentat des 17jährigen Polen
Herschel Grynszpan auf den Gesandtschaftsrat E. v. Rath am
7.11.1938 in Paris als Anlass für die Gewaltverbrechen genannt wird, so
wäre – wenn nicht dieser – jeder andere Anlass (ein realer oder
erfundener) den Nazis auch willkommen gewesen; denn das Datum
stand schon lange fest (darauf komme ich später zurück).

Die systematische Verfolgung der Juden war sozusagen von Anfang an
das Kalkül der NSDAP gewesen (Adolf Hitler – „Mein Kampf“). Die offizielle
Geschichtsschreibung spricht davon, dass mit der sog. Reichspogromnacht
die Diskriminierung der Juden begann… doch das ist faktisch falsch.

Richtig ist: Mit dieser Barbarei ging der diskriminierende Antisemitismus in
die Phase der systematischen Verfolgung – von der sog. Arisierung
jüdischer Geschäftsvermögen bis hin zum Holocaust – über.

Für die Geplantheit der „Reichskristallnacht“ spricht außerdem, dass für
die Zeit danach schon fertige Konzepte in den Schubladen der Nazis
lagen: Die jüdische Bevölkerung in Deutschland musste für die von den
Nazi-Schergen angerichteten Schäden aufkommen.

Die Juden mussten ihre Versicherungsansprüche an das Deutsche Reich
abtreten und schließlich ein sog. Sühnegeld von 1,25 Mrd. Reichsmark
(nach heutiger Währung ca. 4,5 Mrd. Euro) bezahlen.

Es handelt sich bei diesen Ereignissen des 9. November 1938 nicht um
ein Pogrom im Sinne des Wortes, sondern es handelt sich um einen
großen, gut geplanten und organisierten Raubzug der Nazis (und, um
das nicht zu vergessen, der sie tragenden sog. bürgerlichen Eliten)
gegen die Juden in Deutschland – später dann gegen das Europäische
Judentum; soweit man ihm in den überfallenen Ländern hat habhaft
werden können.

* * *


An dieser Stelle könnte ich es mit diesem Artikel sein Bewenden lassen,
doch dann hätte ich eine andere Überschrift wählen müssen. Warum ist
der 9. November ein Deutscher Tag? Warum schrieb der Autor nicht von
einem Tag der Deutschen?

Warum begann er mit diesem Tag im Jahre 1938? Nun, der 9. November
ist deswegen ein Deutscher Tag, weil an diesem Tag Ereignisse
stattfanden, die das Deutschland von heute haben so werden lassen wie
es aktuell ist.

Der 9. November aber ist deswegen kein Tag der Deutschen, weil man
das Datum sehr bewusst mit dem oben genanntem Ereignis „befrachtet“
– damit man sich in der breiten Bevölkerung nur ja nicht allzu gründlich
mit dem Datum beschäftigt; mit Judenverfolgung will man in Deutschland
(auch über sechzig Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft) aus
unterschiedlichen Gründen nichts zu tun haben.

Die einen wollen nichts damit zu tun haben, weil sie familiäre
Verstrickungen befürchten und deswegen lieber nicht nachfragen,
andere wiederum wissen sehr genau, in welchen Verstrickungen sie
stecken (z.B. wo ihre Vermögen oder Firmen oder beides herkommen)
und es ist ihnen um ihren bürgerlichen Ruf bange.

Wieder andere denken größer und befürchten, dass man die Ursachen
hinter diesen Ereignissen erkennen könnte; denn ohne jeden Zweifel ist
es so, dass die Gräuel des 9.11.1938 auch eine politische Bedeutung –
über die Charakterisierung als Raubzug hinaus – haben wird.

Neben den handfesten materiellen Interessen der Nazis und des sie
tragenden Bürgertums (weswegen ich mich als Deutscher heute noch
schämen würde, mich bürgerlich zu nennen), gab es auch noch politische
Interessen, die nicht direkt etwas mit der Judenverfolgung zu tun hatten.

Es war dies das Interesse, zwei weitere 9. November vergessen zu
machen! Dazu muss der Propaganda etwas zur Verfügung stehen, das
sozusagen die Erinnerung der Menschen dauerhaft blockiert. Deswegen
war das Datum der sog. Reichskristallnacht nicht ein 13. August oder ein
21. Oktober, sondern ein 9. November – zum einen es galt es die
Erinnerung an den 9. November 1923 auszulöschen, dem Tag, den Hitler
als Schmach empfunden haben musste.

Am Sonntagmorgen des 9. November 1923 marschierte Hitler zusammen
mit dem Kriegsverbrecher des 1. Weltkriegs General Erich Ludendorff und
weiteren Anhängern zur Feldherrnhalle in München. Mit diesem
Umsturzversuch wollte er die Macht im Staate an sich reißen.

Doch die bayerische Polizei stoppte den Marsch und damit auch Hitlers
Versuch, gewaltsam an die Macht zu gelangen. Hitler floh feige seiner
Verantwortung und suchte Unterschlupf bei Gönnern und wollte sogar
Selbstmord verüben. Leider wurde er davon abgehalten und so konnte
man ihn schließlich verhaften.

Die Niederlage war perfekt, da im Zuge dieses gescheiterten Versuchs
obendrein die NSDAP verboten und Hitler zu fünf Jahren Haft verurteilt
wurde. Noch einmal hatte der Rechtsstaat obsiegt. Das passt nicht in
den Allmachts-Mythos des Führerkults.

Zum anderen galt es eine weitere Erinnerung zu löschen oder zu
überlagern; der Grund war noch sehr viel wichtiger: Im Herbst 1918
überschlugen sich im Deutschen Reich die Ereignisse. Angesichts der
bereits feststehenden Niederlage des Deutschen Reiches im 1. Weltkrieg,
wurde der Ruf nach Frieden und der Abdankung des Kaisers lauter, man
erkannte, dass die Soldaten nicht für Kaiser, Volk und Reich auf den
Schlachtfeldern verblutet waren, sondern für ein goldenes Scheißhaus
von Krupp (wie sich mein Großvater – selbst Verdun-Veteran –
auszudrücken pflegte).

Es kam zu einer Revolutionsbewegung. Betriebe wurden bestreikt, in
vielen Städten bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte, welche die
Organisation des öffentlichen und industriellen Lebens übernahmen.

Am 9. November erfasste die Revolution auch Berlin, wo sie den Kaiser
zur Abdankung und Flucht zwang und zur Demokratischen Republik
führte.

Im Rausch der sog. Reichskristallnacht sollten die Deutschen sich
allesamt als Sieger fühlen; obschon sie doch schon zu dieser Zeit
allesamt Verlierer waren. Sie sollten vergessen welche Kraft im Begehren
der Menschen steckt, das vor keiner Waffe, keinem Knüppel und keinem
Gefängnis zurückschreckt.

Sie sollten vergessen, dass sie ihr Schicksal selbst bestimmen könnten,
anstatt sich von einem dahergelaufenen Führer (ver-)leiten zu lassen.

* * *


Gedenktage haben ja auch ihren Zweck und grundsätzlich habe ich nicht
das Geringste dagegen, dass jeden 9. November an die Ereignisse an
jenem Tag 1938 erinnert wird. Doch die eine oder andere Frage bleibt.

Zum Beispiel die Frage, warum in Deutschland der 3. Oktober zum
Nationalfeiertag wurde, an dem die Wiedervereinigung gefeiert wird.

Denn es war zufällig an einem 9. November, als auf einer stinknormalen
Pressekonferenz das DDR-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski sagte,
dass „ab sofort“ (das waren seine Worte) die Grenzen offen seien.

Somit läge es eher auf der Hand, im Zusammenhang mit der
Wiedervereinigung Deutschlands, eben an jenen 9. November 1989 zu
erinnern.

Ich bin sicher, dass man unter den damals agierenden Politikern daran
gedacht hat… doch man wird ganz ähnlich gedacht haben, wie seinerzeit
die Strategen im Reichspropaganda-Ministerium (womit ich natürlich
niemanden mit den Nazis gleichsetzen möchte).

Aber es können zu allen Zeiten gleiche Gründe für das Handeln angeführt
werden, wenn auch das Handeln unterschiedlich sein mag. Hätte man
den 9. November zum National-Feiertag ausgerufen (Begründungen
dafür wären ja – wie ich gezeigt habe – reichlich vorhanden), wäre
diese „vermaledeite“ Erinnerung an jenen 9. November 1918 jedes Jahr
aufs Neue ans Licht gezerrt worden.

Das kann den heutigen Machtpolitikern ebenwenig recht sein, wie es den
Nazis recht war. Es bleibt aber eine Schande für die Deutsche Politik,
dass man sich bis in die Gegenwart dem Nazi-Propaganda-Trick bedient
und den 9. November lieber mit einem Thema blockiert, mit dem sich
niemand wirklich beschäftigen möchte.

Damit hat man als Politische Klasse (und als Nutznießer deren Politik)
dann das was man haben möchte: Seine Ruhe. Gewiss, es ist eine Ruhe
die etwas unbequem ist, weil man sich ja schließlich vor die Mikros stellen
muss und vom den Gräueln der Nazis reden muss; aber das ist halt der
Preis den man gerne bezahlt.

* * *


Gerade in diesen Tagen zahlt es sich aus, dass sich so niemand an die
Kraft des Begehrens erinnern kann. Noch vor ein paar Wochen war die
Empörung über das kapitalistische System groß, das viele hundert
Milliarden Euro versenkt hat.

Das Geschrei über Managerhaftung und über Regulierung des
internationalen Finanzkapitalmarktes gellt mir noch in den Ohren. Heute
stellen sich Leute, die noch vor kurzem – allem Anschein nach – dem
Neoliberalismus abschworen, wieder vor die Mikros und reden davon,
dass das System doch das Beste sei und die Krise bewältigt habe
(G. Westerwelle nach seiner Wiederwahl als Vorsitzender der FDP).

Verschwiegen hat er allerdings, dass das System als Verursacher nicht in
die Verantwortung genommen wurde, sondern dass die Rettung des
Systems jenen aufgebürdet wurde, die von diesem System seit eh und je
ausgebeutet werden.

Noch vor kurzem war jede Erhöhung der Staatsverschuldung Teufelswerk
und ein Verbrechen an den künftigen Generationen und der
ausgeglichene Staatshaushalt oberstes Gebot. Doch das ist angesichts
der Rettungsaktion zugunsten des Kapitalismus nun kein Thema mehr,
sondern auf unbestimmte Zeit verschoben (man muss halt Prioritäten
setzen – da geht der Erhalt des Systems eben vor).

Es ist verdächtig ruhig in den Medien – der erste Zorn der Menschen ist
in schreiende Schlagzeilen verpackt worden und schließlich verraucht.
Was eben noch als zynische Selbstbedienungsmentalität gegeißelt
wurde, wird nun nicht mehr in Frage gestellt.

Anstatt dass die Menschen ihre Angelegenheiten selbst in die Hand
nehmen, verlassen sie sich auf diejenigen, die durch ihre Fahrlässigkeit,
ihr Stillhalten und ihr Dazutun die Krise erst möglich machten.

In diesem Zusammenhang fällt mir ein altes Sprichwort ein: Nur die
allerdümmsten Kälber, wählen ihre Metzger selber. Wie gut wäre es,
wenn an diesem 9. November in Deutschland, an die Ereignisse von
1918 erinnert würde!?

Ich möchte das noch verlängern und erhöhen und an die letzten Worte
des Abgeordneten Robert Blum erinnern. Der Abgeordnete Robert Blum?
Wer ist das denn schon wieder? Nun, er war ein Demokrat, der an einem
9. November im Jahre 1848 in Wien von den Truppen der
Gegenrevolution erschossen wurde.

Das Ereignis markierte den Anfang vom Ende der so genannten
Märzrevolution in den Staaten des Deutschen Bundes. Begonnen hatte
das revolutionäre Zeitalter in Frankreich, es erfasste nahezu ganz
Europa und erreichte schließlich auch Deutschland.

Geistiges Fundament der Revolutionsbewegung war die Forderung nach
einer Verfassung, die den Ausgleich von monarchischer Autorität und
Volkssouveränität bringen sollte. Zudem standen im Mittelpunkt die
nationale Frage - die Forderung nach nationaler Einheit und
Unabhängigkeit – und die soziale Frage, insbesondere die Forderung
nach vollständiger Bauernbefreiung und sozialer Sicherung der freien
Lohnarbeiter.

"Ich sterbe für die Freiheit" rief Robert Blum ganz zuletzt aus. Doch der
erste Versuch, Deutschland als Teil einer europäischen Modernisierung
nach freiheitlichen und nationalen Leitvorstellungen auszurichten,
scheiterte an dem Widerstand der reaktionären Kräfte.

Nun haben offenbar die reaktionären Kräfte erneut gesiegt… nur sind es
diesmal nicht Abgeordnete die sterben werden, sondern weltweit
hunderttausende Kinder und Frauen des Südens, denen das Geld für ein
Überleben fehlt, weil es die Finanzstrategen des Nordens für die Rettung
des Kapitalismus verschwenden.

Vom Schweizer Schriftsteller Robert Walser stammt die Sentenz, die für
mich Leitmotiv ist: Die Großen sind nicht durch sich selbst groß, sondern
durch die anderen, durch alle die, denen es ein Entzücken bereitet, sie
als groß zu erklären.

Durch vieler Leute Würdelosigkeit entsteht diese eine überragende Ehre
und Würde. Durch vieler Leute Kleinheit und Feigheit entsteht diese auf
einen Punkt angehäufte Summe von Größe und durch vieler Leute
Verzicht auf Macht diese gewaltige Macht. Ohne Gehorsam ist der
Befehlshaber und ohne Diener ist der Herr nicht möglich.

Der 9. November, der Schicksalstag der Deutschen – nun ja, was hätte
nicht alles aus ihm werden können…

Wilfried John






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