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Thema: Frieden lernen in Gaza – Zum Internationalen Jahr der Aussöhnung Teil I. Die Wahrheit stirbt zuerst

icon1 Frieden lernen in Gaza – Zum Internationalen Jahr der Aussöhnung Teil I. Die Wahrheit stirbt zuerst Datum: 14.01.2009, 10:20
Wilfried John (Silber Super-Member)
Man vergisst vielleicht wo man die Friedenspfeife vergraben hat, aber
niemals wo das Kriegsbeil vergraben liegt.
Mark Twain
*grübel*

1. Aktueller Anlass

Nun ist die stille Weihnachtszeit vorbei. Eigentlich gab es sie ja so gut
wie nie und trotzdem hatten wir uns so schön in ihr eingerichtet. Auch
ich – ich gebe es zu – nutzte diese Zeit am Ende eines jeden Jahres, um
Urlaub zu machen und mich, fern von meiner Alltäglichkeit und den
nervenden Nachrichten zu erholen.


Auch in diesem Winter bezog ich ein kleines Appartement im Algarve und
ließ es mir wohl ergehen. Mein Wohlergehen wurde aber jäh unterbrochen…
in dem mir mit der Wucht medialer Bilder, die Gewalt vor Augen geführt
wurde, die seit nunmehr über achtzehn Tagen in Gaza wütet.

Doch Vorsicht, Sprache ist kein einfach zu handhabendes Medium.
Denn erstens wütet die Gewalt nicht erst seit achtzehn Tagen in dieser
Weltgegend, zweitens ist Sprache von Interessen geleitet und drittens
kann ihre Verwendung sowohl aufklärend wirken, wie sie auch das
Gegenteil davon bewirken kann.

Seit ich 1982 nur eines dummen Zufalls wegen NICHT in Beirut weilte
(die Havarie einer von mir gebauten Maschine, machte stattdessen
meinen Einsatz in Nigeria notwendig) als israelische Truppen den
Libanon angriffen und in Beirut alles kurz und klein schlugen, interessiere
ich mich für das was man gemeinhin (verharmlosend) den Nahost-Konflikt
nennt.

Seit dieser Zeit – und weil ich mich aus geschichtlichen/politischen/kulturellen
Gründen durchaus auch der Arabischen Welt verbunden fühle – nehme
ich Nachrichten aus der Region gewissermaßen persönlich. Natürlich
nehme ich es auch persönlich, wie jeder klar denkende Mensch, wenn
mich jemand betrügen will; wie sollte man so etwas auch nicht persönlich
nehmen.

Wenn ich es noch nachvollziehen kann, dass Nachrichten aus Nahost
nicht von jedermann persönlich genommen werden, so kann ich das für
den Betrugsfall keineswegs verstehen. Was aber ist mit der heutigen
Berichterstattung aus Gaza?

Aus dem vorigen Absatz wird offenbar, dass ich in meinem Urlaub die
Berichterstattung über den jüngsten Krieg in Nahost verfolgte. Natürlich
war das auch Thema in den portugiesischen Medien… da mein
Portugiesisch allerdings nicht ausreicht um solch komplexe Nachrichten
genau zu erfassen, griff ich auf die deutschen Satelliten-
Fernsehprogramme zurück.

Es war und ist erschreckend, was uns da als Nachrichten vorgesetzt
wurde (und ich schreibe dieses Wort im Sinne von Fütterung/Trog/
Schweinefraß)! Ohne die Online-Ausgaben kritischer Zeitungen, hätte
man als normaler Medienkonsument keinerlei Chance auf Information –
aber mit hoher Wahrscheinlichkeit, eine hohe Dosis Desinformation.

Diese Berichterstattung war es schließlich, die mich veranlasste einem
ausführlichen Artikel über diesen Konflikt zu schreiben, den ich als kleine
Serie hier veröffentlichen möchte; auch um der geneigten Leserschaft
alternative Informationen zugänglich zu machen, damit überhaupt etwas
entstehen kann, das es wert ist eine Meinung genannt zu werden.

Aus deutscher Sicht erscheint mir das deswegen so wichtig, weil in
diesem Jahr Politiker gewählt werden wollen, denen es offenbar nicht
so recht um die Sache des Friedens, als vielmehr um die Sache der
Verteidigung der freien internationalen Handelswege und der
ungehinderten Rohstoff-Zufuhr, mit „robusten Mandaten“ (mit solchen
Nebelworten wird heutzutage das Kriegführen bezeichnet) geht.

Es ist bestimmt schon oft geschrieben und gesagt worden, dass im Krieg
die Wahrheit als erstes stirbt. Aber es kann nicht oft genug wiederholt
werden, damit man nicht auf eine Propaganda hereinfällt, die lediglich
versucht uns vor einen Karren zu spannen, der so recht nicht unser
Karren ist.

Ich jedenfalls verspüre keine Lust, als dukatenkackender Esel die Sache
zu finanzieren und mich dann – wenn’s mal wieder zu nichts anderem
führt, als dass der Karren heillos im Dreck festgefahren ist – auch noch
davor spannen zu lassen, um ihn wieder flott zu bekommen.

Jeder sollte prüfen, ob er Nutznießer des Krieges ist und wenn das
offenbar nicht der Fall ist, sich an das alte Gedicht von Brecht erinnern:
Der kleine Mann wird gern benutzt / die Karre aus dem Dreck zu ziehen /
dann findet man ihn stark verschmutzt / und fährt weiter ohne ihn.

2. Berichterstattung der Medien

Einerseits bin ich natürlich der Auffassung, dass eine ausgewogene
Berichterstattung aus journalistischer Sicht und aus der Sicht der
Nachrichtennutzer, die beste Art der Berichterstattung ist; insofern
finde ich, dass die Qualität der Berichterstattung z.B. in der
Nachrichtensendung „Tagesschau“ des Ersten Deutschen Fernsehens
gegenüber den Sendungen der meisten Privatsender haushoch
überlegen ist.

Dennoch, wenn diese Ausgewogenheit in einer 15-Minuten-Sendung
hergestellt wird, dann ist das eine zweifelhafte Ausgewogenheit, weil
wichtige Informationen einfach unter den Tisch fallen.

Außerdem bin ich der Meinung, dass es manchmal eben sein muss, dass
Journalisten Stellung beziehen müssen (wieder so ein militaristischer
Kraftausdruck – Sprache, man muss vorsichtig sein); dann gibt es eben
nichts auszuwiegen.

So auch in diesem Fall: Es wird ständig behauptet, Israel lasse täglich
Lastwagen mit Medikamenten und Nahrungsmitteln für die Bevölkerung
in den Gazastreifen hinein und der Krieg richte sich nicht gegen die
Menschen, sondern gegen die Hamas.

Da ist die BBC (es gibt auch diesen britischen Sender über Satellit – und
mein Englisch ist besser als mein Portugiesisch) schon deutlicher: In
einem Bericht auf BBC war deutlich zu erkennen, dass unter den in die
Krankenhäuser eingelieferten Verletzten bislang nur zwei Kämpfer der
Hamas waren, aber Hunderte von verletzten Frauen, Kinder und
Unbewaffnete.

Die Sterberate ist extrem hoch, hieß es bei der BBC, weil sie keine
Medikamente erhalten. Kein journalistisches Ruhmesblatt für
die „Tagesschau“; aber leider wird hierzulande Tag für Tag, offenbar
flächendeckend in den Medien, einseitig berichtet.

Man sollte wissen, dass Israel seit dem Beginn der Bombardements am
27. Dezember Journalisten den Zutritt zum Gazastreifen verweigert. Die
Regierung in Jerusalem nennt vor allem „Sicherheitsgründe“, weshalb es
keinen der 350 angereisten Kriegsreporter und 900 in Israel
akkreditierten Journalisten in den Gazastreifen lässt.

Das spricht allen Grundsätzen Hohn, nach denen Israelis selbst leben
wollen. Israel will eindeutig die Berichterstattung zu seinen Gunsten
kontrollieren. Eine Klage der Vereinigung der Auslandskorrespondenten
vor dem Obersten Gericht in Israel endete mit dem Vergleich, dass acht
Reporter am Freitag, den 2. Januar, in den Gazastreifen gelassen werden
sollten, die übrigen Medien sollten deren Berichte übernehmen dürfen.

Doch dann wurde die Grenzöffnung auf Montag, den 5. Januar,
verschoben und schließlich ganz aufgegeben.

Ein AP-Korrespondent stellte fest, dass viele Reporter daher viel Zeit
damit verbringen, auf Israel gefeuerte Raketen und den durch sie
entstandenen Schaden zu filmen.

Auch deutsche Korrespondenten berichten darüber und müssen es
hinnehmen, dass ihr Bericht von den Moderatoren in der abendlichen
Nachrichtensendung dazu benutzt wird, um Verständnis für die
mörderischen Angriffe der israelischen Armee auf die Bevölkerung von
Gaza zu werben.

Es geht Israel allerdings nicht nur um Informationsblockade, denn es gibt
ausländische Journalisten vor Ort. Die Korrespondenten des
Fernsehsenders Al Dschasira, von Al Arabia und Press TV sowie
palästinensische Kollegen verschiedener Nachrichtenagenturen berichten
unter Lebensgefahr über das Geschehen in Gaza.

Ihre Bilder erreichen dank Satellitenübertragung Millionen Fernseh-
Zuschauer in aller Welt, doch deutsche Medien zeigen sie kaum.

Funk und Fernsehen berichten nicht, dass die palästinensischen
Opferzahlen in Gaza mehr als hundertmal höher sind, als die auf
israelischer Seite. Man erfährt nicht, dass Israel täglich aus den USA mit
6,8 Millionen US-Dollar unterstützt wird, während die palästinensische
Administration 0,3 Millionen Dollar erhält.

65 UN-Resolutionen gibt es gegen das Vorgehen Israels und keine
gegen das Vorgehen der Palästinenser. Ein Israeli ist in palästinensischer
Gefangenschaft, während 10.756 Palästinenser in israelischer
Gefangenschaft sind. Die Palästinenser haben außerhalb von
Kriegshandlungen kein israelisches Haus zerstört, während Israel (seit
1967) 18.167 Häuser von Palästinensern vernichtete.

Zudem hat Israel 223 illegale Siedlungen in Palästina, während die
Palästinenser Flüchtlinge in ihrem eigenen Land sind.

Aber anstatt seinen Aufgaben gerecht zu werden, die er dem Titel nach
hat, erklärte Daniel Seaman, Direktors des israelischen Presseamtes,
zynisch: Der Ausschluss westlicher Medien aus dem aktuellen Krieg führe
zur Desinformation. Die Hamas fälsche die Bilder und Berichte aus dem
Gazastreifen, um Israel in ein schlechtes Licht zu rücken. Er bezeichnet
die Berichte aus Gaza als „fragwürdig“.

Das ist ein gutes Wort… die Bilder sind in der Tat einer Nachfrage würdig.
Allerdings nicht in dem Sinne sie in Zweifel zu ziehen, sondern im Sinne
von: Was tut Israel da eigentlich?

Diese Frage wird in der Wirklichkeit deutscher Medien kaum gestellt,
stattdessen wird so artig „ausgewogen“ über den Krieg berichtet, dass
palästinensische oder kriegskritische Stimmen, wie kürzlich die von Jamal
Nazzal (Vertreter der palästinensischen Fatah) nur selten zu hören sind.

In einem Deutschlandfunkinterview kritisierte Nazzal, er habe die
Berichterstattung westlicher Medien über den Krieg in Gaza beobachtet
und festgestellt, sie „könnte ein Teil eines israelischen Informations-
Ministeriums sein. Das Motto westlicher Berichterstattung besteht darin,
dass die Hamas eine Terrororganisation sei.“

Überall in deutschen Städten regt sich Protest. So fand z.B. am 3. Januar
in Frankfurt/Main eine der größten Friedensdemonstrationen der
vergangenen Jahre statt – aber anstatt darüber zu berichten,
verschwiegen die großen Zeitungen das Ereignis; nicht einmal in der
Online-Ausgabe wurde berichtet.

Dann wurde es den Machern offenbar peinlich und so schoben sie einen
süffisant-zynischen Bericht im Lokalteil nach. Zudem wurde der
Antikriegsprotest von der „Frankfurter Rundschau“ (die sogar als ein
links-liberales Blatt gilt) runter geschrieben; im einträchtigen Kanon mit
der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (die eher das Gegenteil von links-
liberal ist), „senkten“ die Blätter die Zahl der Demonstranten von im
Rundfunk gemeldeten 10.000 Teilnehmer auf 7000.

Angesichts einer solchen Redaktionspolitik in den großen deutschen
Blättern, stellt sich natürlich die Frage nach dem Warum. Offenbar spielt
sich hier im Kleinformat etwas ab, was sich in den USA vor dem
Afghanistan-Krieg und dem letzten Irak-Krieg abspielte: eine quasi
Selbstzensur der Presse.


In den deutschen Medien wird offenbar willfährig genau die Linie
vertreten, die das Bundesaußenministerium vorgibt. Damals, vor dem
Irak-Krieg hieß es, Deutschland beteilige sich nicht am Krieg.

Wie sich später herausstellte, war Deutschland doch nicht so unbeteiligt
wie die offiziellen Stellen behaupteten – was Deutschland viel und vor
allem sehr berechtigte internationale Kritik einbrachte; vor allem in
Ländern mit den wir auf gute (Handels-)Beziehungen angewiesen sind,
wurde schlecht über Deutschland berichtet.

Heute ist es noch eindeutiger: Die beste Bundeskanzlerin aller Zeiten
(DieBaZ) Angela Merkel und ihr Außenminister Frank-Walter Steinmeier
weisen die Schuld für den laufenden Gaza-Krieg einseitig der Hamas zu
und Merkel hat obendrein schon angedeutet, dass „Deutschland seiner
Verantwortung bewusst sei und sich an einer internationalen Mission
beteiligen könne.“

Die Agenturen wollen sich offenbar an die von den Regierenden
vorgegebene Linie halten. Wenn man aber unsere Nachrichtenlage
z.B. mit der BBC und andere Medien im Internet vergleicht, denen man
keinerlei Sympathien für die Hamas unterstellen kann, wird sehr schnell
deutlich: Die israelische Besatzung trägt Schuld an diesem Krieg.

Mitschuld treffen indirekt die Europäische Union, die USA – und
Deutschland. Sie liefern Waffen an Israel und fordern die Hamas zur
Zurückhaltung und sofortigen Einstellung der Kampfhandlungen auf.
Das ist absurd.

Wenn Medien in der Mehrheit dieser Linie folgen, ist es nur so zu
erklären, dass sie sich mit der Position der Mächtigen und Herrschenden
nicht anlegen wollen. Beschämende Auffassung von Journalismus.

Ein weiterer Grund für diese Art der Berichterstattung könnte darin
bestehen, dass die Medien in Deutschland keine Stellung gegen Israel
beziehen wollen. Aufgrund unserer Geschichte haben wir in Deutschland
ein Problem: Vielen Menschen fällt es aus diesen historischen Gründen –
also namentlich wegen des Holocaust – schwer, sich im Nahost-Konflikt
gegenüber Israel kritisch zu äußern.

Natürlich gibt es in Deutschland Antisemiten, Neo-Nazis und andere
Rechte, die im Fahrwasser einer eventuellen Kritik an Israel segeln
(wollen). Sehr schnell wird also bei laut werdender Kritik an Israel die
Keule des Antisemitismus geschwungen.

Es dürfte aber doch für eine differenzierte Berichterstattung ein Leichtes
sein, sich gegen solche Unterstellungen zu verwahren. Ich selbst
verwahre mich doch auch dagegen antisemitisch zu sein – nur weil ich
den Angriffskrieg der Staatsführung Israels als das bezeichne was es ist;
nämlich ein illegaler Angriffskrieg.

3. Stimmen aus Israel

Kritik an diesem Angriffskrieg zu üben ist nicht antisemitischer als der
Krieg selber, denn die Politik Israels gefährdet das Leben vieler Israelis
(Juden). Im Gegenteil: Eine Kritik ist notwendig und ein Akt der Solidarität
mit dem israelischen Volk! Die israelische Linke (ja, die gibt es dort)
erwartet sogar, dass wir eindeutig gegen den Krieg Stellung nehmen
und sie mit dieser Haltung in Israel selbst nicht allein lassen.

Sie haben es in Zeiten wie diesen, in denen die Presse nur noch
Propaganda schreibt und die Wahrheit als erstes stirbt, schwer sich
Gehör zu verschaffen, denn die Rechten übertönen sie mit Sprechchören
wie „Tod den Arabern“; z.B. vergangenen Samstag in Tel Aviv.

Zu Beginn dieses Artikels habe ich schon auf die Situation von 1982 im
Libanon hingewiesen; mit all den elenden Folgen für das
Palästinensische Volk… und natürlich für die Libanesen, die die Güte
besessen hatten, die Flüchtlinge aufzunehmen.

Schon damals hat die israelische Armee, mit dem Argument sich
verteidigen zu müssen, ein fremdes Land überfallen. Aber heute ist die
Lage für die Palästinenser viel schlimmer. Die Situation ist deshalb
anders, weil die Kontrahenten Israels auf Seiten der Palästinenser viel
schwächer sind, als das damals für die PLO in Beirut zutraf.

Außerdem gibt es im Gaza-Streifen eine Zivilbevölkerung von anderthalb
Millionen Menschen, die seit Monaten unter einer Blockade leben und fast
nichts mehr haben: kein Einkommen, keine Nahrung, kein sauberes
Wasser, keine Medikamente.

Schlimmer ist die Situation auch deshalb, weil es, wie die israelische
Autorin und Menschenrechtsaktivistin Felicia Langer ausdrückt: „… für die
Palästinenser aus Gaza keinen Platz unter der Sonne gibt, an dem sie
eine Zuflucht finden könnten.

Das war 1982 anders, als Arafat mit der PLO nach Tunis ausweichen
durfte. Die Palästinenser jetzt sind eingekesselt und werden wie Geiseln
behandelt, die sich kaum rühren können. Außerdem ist das ihre Heimat,
die sie nicht verlassen wollen.“

Vor allem ist es auch ein Unterschied zu 1982, wie sich damals die
Weltgemeinschaft verhielt und so ganz anders reagierte und mehr
Verständnis für die Palästinenser aufbrachte. Heute schweigt die Welt
und sieht zu.

Und noch einmal die Israelin Felicia Langer: „Ich weiß, es ist fragwürdig,
das zu sagen, aber manchmal hat es in meinen Augen schon den
Anschein von Komplizenschaft, wie der israelischen Propaganda geglaubt
wird.“ Dabei gibt sie zu verstehen, dass sie einen Unterschied von
Öffentlichkeit und Politikern sieht.

Die angesprochene Propaganda der israelischen Regierung unter
Premier Olmert erklärt im Stile einer tibetanischen Gebetsmühle, Ziel der
Operation "Gegossenes Blei" sei nicht die Vernichtung von Hamas.
Das ist eine natürlich eine Propaganda-Lüge. Die unabhängigen
israelischen Journalisten gehen selbstverständlich davon aus, dass es
um nichts anders geht, als die Hamas zu vernichten.

Aber nicht nur das. Die jetzige israelische Regierung will das
palästinensische Volk in eine Kapitulation treiben und dermaßen
unterwerfen, dass jede Lösung – und sei es ein palästinensischer Staat,
der nur aus ein paar Bezirken besteht – diktiert werden kann.

Das heißt, die Palästinenser sollen soweit gebracht werden, in ihrer
Verzweiflung und Frustration jede Lösung anzunehmen, die ihnen Israel
präsentiert. Insofern erleben wir sogar nicht nur einen Krieg gegen die
Hamas, sondern gegen alle Palästinenser.

Es wäre sogar nutzlos gewesen, wenn die Hamas die Waffenruhe
bedingungslos verlängert hätte. Die Wahrheit ist: Die Regierung Israels
hat diesen Angriff seit Monaten geplant und provoziert; es gab immer
wieder gezielte Exekutionen im Gaza-Streifen.

Allein am 4. November, während in den USA gewählt wurde, tötete ein
Raketenangriff sechs Palästinenser. Außerdem hätte Israel doch die
Bedingung von Hamas für eine verlängerte Waffenruhe nur anzunehmen
brauchen, eine überaus plausible Bedingung: nämlich die inhumane
Blockade des Gaza-Streifens endlich wieder zu öffnen.

Aber in Jerusalem schwieg man dazu und wollte mit der militärischen
auch in die politische Offensive gehen.

Denn schließlich wird am 10. Februar wird in Israel gewählt. Wegen der
anstehenden Knessetwahl wollen/müssen sich offenbar einige Politiker
profilieren; es geht um die Macht, (denn Olmert muss ja wegen
Korruption-Verdacht gehen).

Zipi Livni, derzeit Außenministerin und Vorsitzende der größten
Regierungspartei, will Ministerpräsidentin werden. Dazu muss sie als
Politikerin in Israel, die zwar im Geheimdienst Mossad gedient hat aber
nie ein hohes Amt in der Armee hatte, auch beim Thema Krieg als
Sachverständige anerkennt werden.

Ehud Barak, der Verteidigungsminister aus der Arbeitspartei – in den
Umfragen immer etwas hinten – wollte zeigen, dass er als
Verteidigungsminister einen Feldzug befehlen kann, der nicht zu einem
solchen Fiasko führt wie der Libanon-Krieg 2006.

Und beide zusammen wollten sie eines sagen: Schaut her, wir sind nicht
weniger wert als Netanyahu. Prompt hat Barak hohe Werte bei den
Umfragen.

4. Deutschlands Regierung zum derzeitigen Krieg

Nun, ich habe schon auf die unselige Verstrickung Deutschlands in den
Irak-Krieg, und die Wirkung die das international hatte, hingewiesen.
Das ist aber – gemessen an dem was nun schon abläuft (?) oder
zumindest vorbereitet wird – Kleinkram.

Die Regierung Deutschlands ist dabei, den guten Ruf, den wir international
bei der Vermittlung in Konfliktsituationen haben, zu verspielen. Die
einseitige Parteinahme für Israel durch Merkel ist eine skandalöse und
völkerrechtswidrige Position.

Auch Frau Merkel müsste wissen, dass Israel gegen die IV. Genfer
Konvention verstößt, die besagt, dass eine Besatzungsmacht
Fürsorgepflichten für die von ihr besetzten Gebiete und die dort lebende
Bevölkerung hat – und das gilt für Gaza, solange es keinen souveränen
Palästinenser-Staat gibt und Israel die volle Kontrolle über dieses Gebiet
ausübt.

Schon die 18-monatige Schließung der Grenzübergänge zum Gazastreifen
hat gegen die IV. Genfer Konvention verstoßen und selbst UN-Vertreter
machen Israel für den Bruch des Waffenstillstandes verantwortlich, nicht
die Hamas, die fast ausnahmslos als »radikalislamische Terrororganisation«
bezeichnet wird, mit der man nicht verhandelt, was geradezu Originalton
israelische Regierung ist.

Deutschland hat die IV. Genfer Konvention ebenfalls unterzeichnet und
kann sich nicht einfach hinter Israel stellen, wenn dessen Regierung so
handelt wie jetzt.

In Wirklichkeit leistet Merkel Israel einen schlechten, um nicht zu sagen
schrecklichen Dienst, sie verteilt Streicheleinheiten, anstatt zu sagen:
Man muss verhandeln, auch mit Hamas; zumal offenbar sogar Barak
Obama, in dieser Frage, einen Kurswechsel in der us-amerikanischen
Außenpolitik einleiten will und mit der Hamas verhandeln will.

Anstatt also einseitige Parteinahme zu praktizieren, sollte die Deutsche
Regierung Druck auf Israel ausüben – mit dem Ziel, dass Israel wieder
mit den Palästinensern verhandelt.

Mit der Zwei-Staaten-Lösung in den Grenzen von 1967 haben sich die
Palästinenser doch zu einem, für sie schmerzlichen, Kompromiss
durchgerungen.

Es ist ziemlich schrecklich, wie bedingungslos hierzulande zu den Israelis
gehalten wird - gleichgültig, was die auch immer anstellen. Und
mindestens ebenso schrecklich ist die Position zu den Palästinensern –
die, schon fast stigmatisiert, immer als die Schuldigen hingestellt werden,
von denen man selbstverständlich Vorbedingungen zum Frieden
verlangt.

Aber hat denn Israel überhaupt gezeigt, dass es Frieden will? Nein.

Stattdessen ging der Siedlungsbau in der Westbank immer weiter, wurde
(auf palästinensischem Gebiet!) eine Mauer gebaut, wurden und werden
die Palästinenser gezielt wirtschaftlich geschädigt. Noch einmal die
Israelin Felicia Langer: „Wir reden viel über Frieden, aber in Wirklichkeit
ist Frieden für uns nur eine Floskel.“

Erst massiver internationaler Druck wird Israel davon überzeugen, mit
dieser Politik Schluss zu machen und mitzuhelfen, dass ein lebensfähiger
palästinensischer Staat entsteht, mit dem man – mit der Zeit – gut
nachbarlich existieren kann (gerade Deutschland hat doch da
Erfahrungen mit ehemaligen Erzfeinden!).

Leider bewirkt die deutsche Außenpolitik das Gegenteil – genau
genommen leistet sie dem Krieg Vorschub. Was Frau Merkel sagt, ist
nicht nur skandalös, sondern auch politisch dumm. Wenn ich wirklich
Frieden möchte, dann stärke ich doch zuerst die friedlichen internen
Kräfte. Frau Merkel, es gibt eine israelische Friedensbewegung!

Es kann ja sein, dass die Bundeskanzlerin nicht weiß was eine
Friedensbewegung leisten kann (als eine Friedensbewegung in der BRD
gegen die Atomrüstung stark war, war sie ja noch nicht im Lande – sie
könnte aber ihren Außenminister fragen oder, besser noch, dessen
Vorgänger).

Frau Merkel, der israelischen Friedensbewegung sollten sie helfen,
anstatt den Falken das Wort zu reden. Ja, Israel hat ein Recht auf seine
Sicherheit, aber der Weg dorthin führt nicht über Leichenberge aus
palästinensischen Frauen und Kindern.

5. Und die Palästinenser

Es hat noch nie geholfen, irgendjemanden – der eh nichts mehr zu
verlieren hat – zu verteufeln; im Gegenteil. Anstatt die Hamas als
Terrororganisation zu behandeln (was ja nicht völlig falsch ist, aber auch
nicht ganz richtig), sollte man die Zeichen zum Verhandlungswillen nicht
mutwillig ignorieren.

Hamas-Führer Chalid Maschal hat klar gesagt, wenn das palästinensische
Volk die Zwei-Staaten-Lösung akzeptiert, wird Hamas sie auch
akzeptieren.

Vor zweieinhalb Jahren schon, tauchte ein Memorandum in der
Öffentlichkeit auf, das unter dem Namen „Das Papier der Gefangenen“
bekannt wurde. Geschrieben worden war es von palästinensischen
Politikern in israelischen Gefängnissen. Darin ist ebenfalls von zwei
Staaten die Rede.

Keiner hat dem widersprochen, auch Hamas nicht. Dies kam einer
Anerkennung Israels gleich.

Wir könnten aus der Vergangenheit lernen – das heißt, wenn wir wollten.
Ich erinnere an die PLO und Arafat. Hatte denn nicht auch die PLO einmal
eine Charta, in der die Existenz des Staates Israel ausdrücklich nicht
anerkannt wurde? Trotzdem hat man mit der PLO und Arafat verhandelt
und die Oslo-Verträge geschlossen.

Warum verfährt man mit Hamas nicht genauso? Stattdessen tötet die
israelische Luftwaffe den Hamas-Politiker Nisar Rian mitsamt seiner Frau
und seinen acht Kindern. Und alle Welt tut so, als wäre das normal.

Aber das war Mord und sollte auch so genannt werden. Die ganze
Offensive ist ein Kriegsverbrechen.

Teil II folgt – Zur Geschichte des Konflikts

Nachtrag: Heute, am 15.01.2009, hat die israelische Luftwaffe das
Gebäude der UN beschossen, in dem die Hilfsorganisationen ihre Büros
haben. Langsam scheinen sich wenigstens die seriösen Zeitungen zu
besinnen - sie haben es in ihren Online-Ausgaben schon gemeldet und
tendenziell das israelische Tun in Frage gestellt. Aber das ist noch nicht
genug.


Wilfried John

icon1 Re: Frieden lernen in Gaza – Zum Internationalen Jahr der Aussöhnung Teil I. Die Wahrheit stirbt zuerst Datum: 14.01.2009, 18:19
Martha Stadlmair (Senior Member)
Wieviel anders ist es was die Israeli den Palistinänsern antun, was
die Deutschen ihnen angetan haben? Warum nur? Warum verliert der
Deutsche in der Berichterstattung die Optik?

icon1 Re: Frieden lernen in Gaza – Zum Internationalen Jahr der Aussöhnung Teil I. Die Wahrheit stirbt zuerst Datum: 14.01.2009, 19:24
Wilfried John (Silber Super-Member)
@ Martha

Warum die Deutschen (Medien) in der Berichterstattung die "Optik
verlieren", wie Du es nanntest, habe ich versucht darzustellen.

Die Frage nach dem Warum, versuche ich den folgenden Teilen des
Artikels darzustellen; also bitte ich um Geduld... die Kommentarspalte ist
dazu nicht geeignet.

Zur ersten Frage muss ich aber doch etwas sagen. Der Unterschied
zwischen dem Holocaust und der iraelischen Palästinenser Politik (wenn
man sie überhaupt Politik nennen kann) ist ein beträchtlicher.
Zugegeben, auf das Schicksal des Einzelnen (Palästinenser) bezogen,
scheinen die Ergebnisse gleich...

Aber es ist dennoch ein Unterschied ob Menschen, die Teil des eigenen
Volkes waren, systematisch ausgeraubt, versklavt und schließlich
industriell umgebracht werden weil sie jüdischen Glaubens waren, oder
ob es um einen Interessenkonflikt um Gebietsansprüche geht, die schon
seit Jahrtausenden proklamiert werden. Es verbietet sich einfach wegen
der Singularität des Verbrechens Holocaust auch nur den Versuch eines
Vergleichs zu unternehmen.

Aber warum soll man eigentlich vergleichen...? Nehmen wir einfach die
Ereignisse (Taten) als solche und nennen sie beim schrecklichen Namen:
Völkermord unter dem Deckmantel des Verteidigungskrieg.

Gruß Wilfried

icon1 Re: Frieden lernen in Gaza – Zum Internationalen Jahr der Aussöhnung Teil I. Die Wahrheit stirbt zuerst Datum: 15.01.2009, 20:33
kapverd (Gold Super-Member)
GAZA – der Vorhof zur Hölle


Hallo, allgemein möchte ich darauf hinweisen das zeitnah mit Sicherheit nochmals die Reportage „GAZA - der Vorhof zur Hölle“ läuft (diese lief kürzlich auf Bayern-alfa). Es reicht nicht aus, deutschen Journalisten als Mundpflaster den Hinweis zum Holocaust zu verpassen, es gehört die detaillierte Kenntnis dazu was in GAZA „vor“ diesem Krieg ablief. Denn diese Reportage behandelt den ganz normalen Alltag in GAZA – mit pro Woche 5 erschossenen Palästinensern – und nicht dien jetzigen Krieg. Auch unsere werte Bundeskanzlerin hat diese Reportage nicht gesehen – denn sonst hätte sie ganz einfach den Mund gehalten. Dieses bedeutet für mich, dass Frau Merkel keine zeitnahen realen Kenntnisse außer denen von Olmert besitzt. Oder die parteiinternen Doktrin der christlichen Partei CDU-CSU-SPD sind noch deutlicher wie die der Hamas…….

Die Reportage auf Bayern – alfa:

5 tote Palästinenser pro Woche
das war normal
14 Totgeburten durch Tränegaseinsätze der Israelis
Sie sollen doch froh sein
wir Israelis bringen Ihnen die moderne Landwirtschaft
3 Generationen können sie überspringen
ein alter Mann, ein Palästinenser
er hofft noch immer
seit 1947 auf sein Dorf, auf sein Land……
ein Kindergarten
nationalistische Lieder der Kleinen
Israel ist immer dort wo wir stehen
begleitet von einer Kindergärtnerin mit Akkordeon.

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