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Thema: Komm, spielen wir Schicksal – Über Ausbeutung von Kindern Teil I - Ein Überblick

icon1 Komm, spielen wir Schicksal – Über Ausbeutung von Kindern Teil I - Ein Überblick Datum: 12.06.2009, 12:19
Wilfried John (Silber Super-Member)
Es gibt keine großen Entdeckungen und keinen Fortschritt, solange es
noch ein unglückliches Kind auf der Welt gibt.
Albert Einstein

Schicksal. Sehr viele Menschen meinen, das Leben würde vom
Schicksal bestimmt. Und was da nicht alles als schicksalhaft angesehen
wird… Mit Schicksal wird alles das bezeichnet, was durch äußere und
innere Faktoren nicht beeinflussbar zu sein scheint. Doch untersucht man
die uns umgebenden Phänomene aber mit dem Kriterium der
Unbeeinflussbarkeit, dann bleibt von dem was Schicksal genannt werden
sollte recht wenig übrig. Bei genauerer Betrachtung kommen dafür nicht
einmal alle Naturkatastrophen in betracht, da einige nur deswegen
entstehen, weil die Menschen wider besseres Wissen z.B. Bergwälder in
den Alpen fällten und dann das Schicksal des Lawinentoten beklagen.


Ganz gewiss nicht schicksalhaft jedoch, ist die Situation von vielen
Millionen Kinder auf diesem Planeten; wenngleich ihr Leben aus der Sicht
vieler dieser Kinder sicher als schicksalhaft angesehen wird. Doch das
wäre nur dann vollständig richtig, wenn wir sie in diesem Elend alleine
lassen würden und stillschweigend über ihr Leid hinweg gingen. Dieser
Artikel ist all jenen Kindern gewidmet, die überall schlimmster
Ausbeutung preisgegeben sind – er entstand anlässlich der diesjährigen
Aktionstage der UNICEF gegen Ausbeutung von Kindern, die in vielen
deutschen Städten auf das Los dieser Kinder aufmerksam machen wollen.

Vor zehn Jahren verabschiedete die Internationale Arbeitorganisation
(ILO) die Konvention 182 gegen die schlimmsten Formen der
Kinderarbeit. Das Dokument gehört zu den am schnellsten ratifizierten
Konventionen der ILO. Bis heute haben 170 Staaten unterzeichnet. Viele
Regierungen haben seither Gesetze zum Schutz von Kindern vor
ausbeuterischer Arbeit erlassen. Kinderarbeit wurde – endlich – ein
international stärker beachtetes Thema. Pilotprojekte der ILO drängten
ausbeuterische Kinderarbeit in einigen Branchen zurück und brachten
Arbeitgeber, Gewerkschaften und Regierungen an einen Tisch.

Kinderarbeit – ein Überblick

Nach Schätzungen der ILO sind weltweit 327 Millionen Kinder
erwerbstätig. Mehr als 210 Millionen Jungen und Mädchen sind nach
dieser Statistik Kinderarbeiter; das heißt, diese Kinder arbeiten
regelmäßig mehrere Stunden. Unter ihnen sind 126 Millionen Kinder unter
15 Jahren, die unter gefährlichen und ausbeuterischen Bedingungen
schuften. Viele von ihnen schuften wie Sklaven und werden wie eine
Ware gehandelt.

Leider steht zu befürchten, dass die Zahlen noch höher sind, da diese
Statistik auf der Basis der Informellen Infrastruktur (Geburtenregister,
Einwohnermeldeämter etc.) der Mitgliedsländer erhoben wurden. Aber
leider haben viele Millionen Menschen gar keinen Zugang zu dieser
Daten-Infrastruktur. Menschenrechtsorganisationen berichten
regelmäßig, dass ein erheblicher Teil der Geburten gar nicht erfasst
würden und so ist überhaupt nicht bekannt, wie viele Kinder es auf der
Welt überhaupt gibt. Der Fehler liegt also in der nicht erfassten Zahl von
vielleicht Millionen von Kindern – Kinder ohne jedes Recht, ohne jede
öffentliche Beachtung, ohne Zukunft… oder einer Zukunft, die alles
andere als erstrebenswert ist.

In vielen Produkten steckt die Arbeit von Kindern. Kinder schleifen
Diamanten, arbeiten in Steinbrüchen und stickigen Fabriken oder
schuften auf Plantagen. Der Besuch einer Schule bleibt für viele Kinder
ein unerreichbarer Traum. Krasse Ausbeutung von Kindern und
Erwachsenen gibt es schon lange – und in immer neuen Facetten und
Ausprägungen. Ziemlich neu aber ist, dass massenhafter Wohlstand
neben erbärmlichster Armut steht und dass Erstere von den
anderen wissen
– und dennoch nichts tun. Allerdings macht es aber
keinen Sinn, Arbeit von Kindern pauschal zu verteufeln.

Zur Definition von Kinderarbeit und Ausbeutung

Nicht jedes Kind, das arbeitet, wird ausgebeutet. Nicht jede Form der
Kinderarbeit muss bekämpft werden. In vielen Gegenden der Welt hat
die Mitarbeit von Kindern eine wichtige Funktion in der Erziehung: Kinder
wachsen so in ihre spätere Rolle hinein und übernehmen mit ihren
wachsenden Fertigkeiten Stück für Stück Verantwortung. Allerdings darf
solche Arbeit nicht in Ausbeutung münden.

Eine international anerkannte Definition von ausbeuterischer
Kinderarbeit liegt seit 1999 mit der ILO-Konvention 182 gegen die
schlimmsten Formen der Kinderarbeit vor. Im Zusammenhang mit der
Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen ergeben sich so die
wichtigsten Gesichtspunkte für einen Überblick auf Kinderarbeit frei von
Ausbeutung – im Zentrum steht dabei die Verfassung und die
Persönlichkeit jedes einzelnen Kindes und die Frage, ob Arbeit die
Bildungschancen beeinträchtigt.

Ausbeuterische Kinderarbeit ist laut ILO-Konvention 182:

> Sklaverei und Schuldknechtschaft und alle Formen der
Zwangsarbeit
> Arbeit von Kindern unter 13 Jahren
> Kinderprostitution und -pornographie
> der Einsatz von Kindern als Soldaten
> illegale Tätigkeiten, wie zum Beispiel Drogenschmuggel
> Arbeit, welche die Gesundheit, die Sicherheit oder die Sittlichkeit
gefährdet, also zum Beispiel Arbeit in Steinbrüchen, das Tragen
schwerer Lasten oder sehr lange Arbeitszeiten und Nachtarbeit.

Wie oben schon bemerkt, weiß niemand genau, wie viele Kinder
arbeiten: Besonders die schlimmsten Formen der Kinderarbeit finden in
jeder Hinsicht im Verborgenen statt. Die ILO hat im Frühjahr 2006 einen
Bericht über die Situation der Kinderarbeiter vorgelegt: „Das Ende der
Kinderarbeit - zum Greifen nah“ Ganz davon abgesehen, dass allein der
Titel wenigstens als Schönfärberei zu sehen ist (Naivität scheidet aus, da
man das der Organisation nicht unterstellen kann…), und man 2006 noch
nichts von der aktuellen weltweiten Finanzkrise wusste (welche die
erreichten Verbesserungen sämtlich zerstört hat!), enthält der Bericht
Einzelheiten, die für eine sachliche Debatte notwendig sind. Die ILO
unterscheidet im Bericht drei Kategorien:

> Erwerbstätige Kinder: Alle Kinder, die mindestens eine Stunde
an einem Tag arbeiten, innerhalb eines Referenzzeitraums von
sieben Tagen. (Anmerkung *1)
> Kinderarbeiter: Die ILO-Statistiker grenzen im Weltreport diese
Form der Arbeit von der erwerbstätiger Kinder ab. Nicht unter die
Kategorie »Kinderarbeit« fallen demnach Kinder über zwölf
Jahren, die einige Stunden pro Woche eine erlaubte leichte
Arbeit verrichten, sowie Kinder über 15 Jahren, deren Arbeit als
nicht »gefährlich« eingestuft ist. (Anmerkung*2)
> Kinder in gefährlicher Arbeit: Kinder, die Tätigkeiten verrichten,
die ihrer Natur nach schädlich für die Sicherheit, die körperliche
oder seelische Gesundheit und die sittliche Entwicklung des
Kindes sind. Gefahren können auch von übermäßiger
Arbeitsbelastung, den physischen Arbeitsbedingungen und der
Arbeitsintensität (Arbeitsdauer) ausgehen. (Anmerkung*3)

In folgenden Produkten kann ausbeuterische Kinderarbeit stecken:

a) Lebensmittel

Kinderarbeit bei Anbau, Ernte und zum Teil bei der Weiterverarbeitung
Bananen, Gewürze, Kaffee, Kakao, Orangensaft, Reis, Schokolade,
Süßigkeiten, Tee, Tropische Früchte, Zucker (aus Zuckerrohr).

b) Konsumgüter und Dienstleistungen

Bekleidung und Berufsbekleidung (Anbau von Baumwolle,
Seidengewinnung, spinnen, färben, nähen, verpacken); Blumen (Anbau
und Ernte); Diamanten, Edelsteine, Strass (Schneiden und schleifen);
Feuerwerkskörper (Fertigung); Fußbälle und andere Lederbälle (Nähen);
Handys und Telekommunikation (Gewinnung von Coltan); Heimtextilien
z.B. Tischwäsche, Gardinen, etc. (Anbau von Baumwolle,
Seidengewinnung, spinnen, färben, nähen, verpacken); Kosmetik
(Rohstoffgewinnung); Sportbekleidung (Anbau von Baumwolle, spinnen,
färben, nähen, verpacken); Schuhe/ Sportschuhe (Gerbereien, Fertigung,
verpacken); Natursteine z.B. Bau- und Grabsteine (Arbeit in
Steinbrüchen, schneiden und polieren); Teppiche (Wolle spinnen,
Teppiche knüpfen, waschen); Tourismus/Gastronomie (Putzen, Gepäck
tragen, kellnern, kochen, spülen). U.a.m.

Schlussbemerkung erster Teil

Es steht fest, dass hinter der mit der notwendigen Sachlichkeit geführten
Debatte die nackte Not den Alltag vieler Millionen Kinder prägt und wir
sollten es nicht allein den internationalen Organisationen überlassen,
etwas gegen dieses Leid zu tun – oft tritt dabei das Phänomen „Lange
Bank“ zutage. Insofern ist es für diese Kinder gut, wenn wir auch mit
dem Herzen sehen und unseren Emotionen Raum geben, wenn wir uns
aufregen und einmischen, wenn wir Verantwortliche anprangern… und
uns auch selbst prüfen. Wenn wir uns fragen, warum das alles so bleibt,
wo doch alle drüber Bescheid wissen, muss uns das doch wütend
machen…


Wilfried John


Teil II befasst sich mit der Frage warum Kinder ausgebeutet werden.


Anmerkung *1
»Erwerbstätigkeit« nach Definition der ILO: »"Erwerbstätigkeit" ist ein
dehnbarer Begriff, der die meisten produktiven Tätigkeiten von Kindern
umfasst, ungeachtet dessen, ob sie für den Markt bestimmt sind oder
nicht, bezahlt oder unbezahlt sind, ob es sich um einige wenige Stunden
oder eine vollzeitliche, Gelegenheits- oder reguläre Arbeit handelt und ob
sie rechtmäßig oder unrechtmäßig ist; häusliche Pflichten und Schularbeit
schließt dieser Begriff aus. Als erwerbstätig gilt ein Kind, das mindestens
eine Stunde an einem Tag innerhalb eines Referenzzeitraums von sieben
Tagen arbeitet. "Erwerbstätige Kinder" ist weniger eine rechtliche als
vielmehr eine statistische Definition.«
Quelle: Das Ende der Kinderarbeit – Zum Greifen nah. Gesamtbericht im
Rahmen der Folgemaßnahmen zur Erklärung der IAO über grundlegende
Prinzipien und Rechte bei der Arbeit, Internationales Arbeitsamt, Genf,
2006, S. 6

Anmerkung *2
»Gefährliche Arbeit« nach Definition der ILO: »Von Kindern
verrichtete "gefährliche Arbeit" ist jede Tätigkeit oder Beschäftigung, die
sich ihrer Natur nach schädlich auf die Sicherheit, die körperliche oder
seelische Gesundheit und die sittliche Entwicklung des Kindes auswirkt
oder auswirken kann. Gefahren können auch von einer übermäßigen
Arbeitsbelastung, den physischen Arbeitsbedingungen und/oder der
Arbeitsintensität im Sinne von Arbeitsdauer oder geleisteten
Arbeitsstunden ausgehen, selbst dann, wenn eine Tätigkeit oder
Beschäftigung als nicht gefährlich oder als "sicher" gilt. Diese Arten von
Arbeit müssen auf nationaler Ebene nach dreigliedrigen Konsultationen in
einer Liste erfasst werden.«
Quelle: Das Ende der Kinderarbeit – Zum Greifen nah. Gesamtbericht im
Rahmen der Folgemaßnahmen zur Erklärung der IAO über grundlegende
Prinzipien und Rechte bei der Arbeit, Internationales Arbeitsamt, Genf,
2006, S. 6

Anmerkung *3
»Kinderarbeit« nach Definition der ILO: »"Kinderarbeit" ist ein engerer
Begriff als "erwerbstätige Kinder"; er schließt alle Kinder über 12 Jahren
aus, die nur einige Stunden pro Woche eine erlaubte leichte Arbeit
verrichten, sowie Kinder über 15 Jahren, deren Arbeit nicht
als "gefährlich" eingestuft wird. Grundlage für den Begriff
der "Kinderarbeit" ist das IAO-Übereinkommen (Nr. 138) über das
Mindestalter, 1973, das die umfassendste und maßgeblichste
internationale Definition des Mindestalters für die Zulassung zu
Beschäftigung oder Arbeit im Sinne einer "Erwerbstätigkeit" enthält.
- 4 Siehe IPEC: Every child counts, a.a.O., S. 29-34.«
Quelle: Das Ende der Kinderarbeit – Zum Greifen nah. Gesamtbericht im
Rahmen der Folgemaßnahmen zur Erklärung der IAO über grundlegende
Prinzipien und Rechte bei der Arbeit, Internationales Arbeitsamt, Genf,
2006, S. 6

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