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Thema: Komm, spielen wir Schicksal – Über Ausbeutung von Kindern Teil II – Warum arbeiten Kinder

icon1 Komm, spielen wir Schicksal – Über Ausbeutung von Kindern Teil II – Warum arbeiten Kinder Datum: 12.06.2009, 12:21
Wilfried John (Silber Super-Member)
Es gibt keine großen Entdeckungen und keinen Fortschritt, solange es
noch ein unglückliches Kind auf der Welt gibt.
Albert Einstein

Fortsetzung von Teil I:

Warum arbeiten Kinder?

Natürlich ist die überwiegende Hauptursache dafür krasse materielle
Armut, dass Kinder ihre Familien unterstützen müssen, um den
gemeinsamen Lebensunterhalt zu sichern. Übrigens ist das immer wieder
gebetsmühlenhaft daher geschwätzte Heilsversprechen der
Neoliberalisten, dass die Ausbeutung von Kindern automatisch endet,
wenn die Wirtschaft wächst, falsch – in einer deregulierten Welt des
Liberalismus tritt das Gegenteil ein. Mit dem Wachstum der ungeregelten
Wirtschaft (ohne Gewerkschaften oder Schutzgesetzen) steigt gerade
die Kinderarbeit enorm an, weil billige und willige Arbeitskräfte gesucht
werden.

Wie ich oben schon andeutete, veröffentlichte die ILO letztmalig im Jahre
2006 Zahlen mit dem Hinweis, dass die in der Konvention beschriebenen
Formen ausbeuterischer Kinderarbeit rückläufig seien. Natürlich ist
es schon ein Erfolg, wenn 10 oder 20 Millionen Kinder nicht mehr
ausgebeutet werden, aber gemessen an der Zahl von 126 Millionen sind
das eher kleine Fortschritte. Doch selbst die kleinen Fortschritte, die im
weltweiten Kampf gegen die Ausbeutung von Kindern erzielt wurden,
sind durch die aktuelle Wirtschaftskrise bedroht oder gar bereits zunichte
gemacht. Durch den Verlust von Millionen Arbeitsplätzen in den Ländern
des Südens – die ILO schätzt die Zahl auf 50 Millionen – durch
Minderbeschäftigung und sinkende Löhne (mehr Lohnkonkurrenz durch
Arbeitslosigkeit – treffender auch Schmutzkonkurrenz genannt), wächst
der wirtschaftliche Druck auf Familien.

Ergebnisse neoliberaler Politik

Weil vielerorts auf der Welt Schulgeld fällig wird, können viele von
Arbeitslosigkeit betroffene Eltern ihre Kinder deshalb nicht mehr zur
Schule schicken. Viele dieser Kinder sind nun gezwungen, zum
Lebensunterhalt der Familien beitragen zu müssen. Das setzt die Spirale
der Schmutzkonkurrenz erneut in Gang – weiter sinkende Löhne
sind die Folge und immer längere Arbeitszeiten, um die Lohnminderung
auszugleichen. Längere Arbeitszeiten nun, sind Kapazitätserhöhungen
ohne Menschen einstellen zu müssen… weniger Menschen arbeiten
mehr; die Arbeitslosigkeit steigt weiter. Und so weiter. Bald entstehen
Verhältnisse, in denen man selbst durch noch so viel Arbeit nicht mehr
das überlebenserforderliche verdienen kann. Menschen werden in die
Kriminalität gezwungen… (dazu mehr in einem weiteren Artikel).

Ein weiterer Grund für die Zunahme von ausbeuterischer Kinderarbeit ist
das sog. Preisdumping in den klassischen Konsumbereichen der
Binnenmärkte der Armuts-Länder (Entwicklungsländer ist ein
Verschleierungsbegriff) oder noch viel mehr, das Preisdumping in den
industrialisierten Ländern (die eigentlichen Exportmärkte der
Armutsländer). Schnäppchenjagd hierzulande erhöht also außerdem die
Gefahr, dass Kinder in ausbeuterische Arbeitsverhältnisse geraten.
Leider ist aber von den Liberalisten hierzulande, dieselbe politische
Grundhaltung installiert worden, in der Profitmaximierung ohne soziale
Verpflichtungen oberstes Gebot ist. So versuchen diese Leute auch hier
die geordneten Arbeitsverhältnisse zu zerstören – Lohnverzicht,
Arbeitszeitverlängerung, ungeschützte Arbeitsverhältnisse,
Arbeitslosigkeit. Das verschärft hierzulande die Einkommenssituation und
zwingt zur Schnäppchenjagd… So einfach ist das!

Die Ergebnisse dieser Politik liegen weltweit offen zutage (zu den
ökologischen Auswirkungen siehe auch meinen Artikel „Das Trojanische
Pferd wiehert…“; zum Thema Kinder und Krieg siehe meinen Artikel „Zwei
Kugeln in jeden Kopf“; weitere Artikel z.B. über Handel mit Kindern oder
über Armutsflüchtlinge folgen). Die unverbesserlichen Verfechter dieser
Politik müssen sich fragen lassen, ob das ihre Vorstellungen von der Welt
sind. Es wird Zeit, dass wir ihnen Einhalt gebieten – sonst werden wir als
Dulder in die Mithaftung genommen.

Armut als politisches Programm

Bildung für alle – auch für arbeitende Kinder, für Kinder von Flüchtlingen,
Migranten und Minderheiten – das war bis zur Krise eine der
Hauptforderungen im Kampf gegen ausbeuterische Kinderarbeit. Sie
muss gerade jetzt, weltweit, erneut und noch dringlicher erhoben
werden. Des Weiteren muss das UN-Millennium-Ziel gegen Armut massiv
ausgebaut werden; was nicht nur etwas mit mehr Geld zu tun hat,
sondern Änderungen am System erforderlich macht.

Hinter dem Begriff der Armut verbergen sich nämlich politische und
ökonomische Entscheidungen, die auch zur Ausbeutung von Kindern
führen:

> Regierungen vernachlässigen Bildungssysteme. Es gibt zu
wenig Schulen, die Lehrer sind schlecht ausgebildet, Schulgebühren
schließen Kinder aus armen Familien aus.
> Weltmarktpreise für Rohstoffe, wie Kaffee, Kakao oder
Baumwolle, sind so niedrig, dass Bauern verarmen.
> Arbeitgeber stellen Kinder ein, weil sie dann noch niedrigere
Löhne zahlen können und Kinder sich nicht gewerkschaftlich
organisieren.
> Behörden und Polizei sind schwach oder korrupt: Sie sehen
weg und verfolgen Straftäter nicht, die Kinder ausbeuten.
> In fast allen Gesellschaften gelten bestimmte Menschen als
minderwertig. Wichtige Rechte, wie zum Beispiel das Recht auf Bildung,
werden ihnen nicht zugestanden: Kinder aus armen Familien, Mäd­chen,
Kinder aus Flüchtlingsfamilien, Migranten, Ureinwohner und Kinder aus
ethnischen oder religiösen Min­derheiten sind besonders gefährdet,
ausgebeutet zu werden. Oft sind sie nicht einmal offiziell registriert.
> Auf Grund von Krieg und Gewalt lösen sich Familien und
Gemein­schaften auf. Gesellschaften bruta­lisieren sich. Selbst kleine
Kinder werden ausgebeutet und geschunden.
> Besonders im südlichen Afrika steigt die Zahl der
Kinderarbeiter und der von Kindern geführten Haushalte auf Grund von
AIDS. Die Elterngeneration stirbt.

In den Regionen der sogenannten Entwicklungsländer, in denen es
schon seit Jahrhunderten so etwas wie eine „Tradition der Sklaverei“
gibt, führt die (oft von der Weltbank als Gegenleistung für Kredite
verordnete) neoliberale Politik, zur Auflösung gewachsener Strukturen.
Staatliche Infrastruktur bis hin zu Gemeindeland gerät in die Hände eines
immer hemmungsloseren Kapitals. Ganze Dorfbevölkerungen können
nicht mehr für den eigenen Bedarf pflanzen und müssen stattdessen für
den Export bestimmte profitable landwirtschaftliche Produkte erzeugen –
meist über die Schuldknechtschaft werden sie Kandidaten für die
Sklaverei. Mit dem Mittel der Korruption nehmen die Sklavenhalter
Einfluss auf die staatliche Gewalt und lassen sich von ihr schützen. Die
heutigen Sklavenhalter "genießen“ alle Vorteile des Eigentums, ohne
seine Verpflichtungen zu haben. Tatsächlich ist es für die Sklavenhalter
ein Vorteil, dass sie keine legalen Eigentumsrechte haben, denn sie üben
uneingeschränkte Kontrolle aus, ohne für ihren Besitz im Geringsten
verantwortlich zu sein.

Aber auch wir hier im sog. zivilisierten Westen haben einen nicht
geringen Anteil an diesen Zuständen. Zum einen sitzen hier
transnational operierende Konzerne die Zweigunternehmen in den
ärmsten Ländern gründen und ihre Produktion dahin verlagern.
Subunternehmer in den Entwicklungsländern sorgten dann für
Menschenmaterial, mit dem billigst produziert werden kann und um die
Aktionäre mit hohen Dividenden zu erfreuen. Zum anderen kaufen wir als
Kunden dieser Konzerne die billig produzierte Ware und machen so erst
den Profit aus der Sklaverei möglich. Meine Antwort auf die Frage was wir
tun können ist immer dieselbe: Kämpft für mehr eigenes Einkommen
(damit man nicht mehr nur Billigware kaufen kann), boykottiert ihre
Sklavenarbeit (damit es für sie unrentabel wird Menschen wie Vieh zu
halten) und beschränkt die Macht der Konzerne und ihrer willfährigen
politischen Helfer in den Regierungen.

Schuldknechtschaft

Schuldknechtschaft (bonded labour) bezeichnet wirtschaftliche
Ausbeutung in Form sklavenähnlicher Abhängigkeit. Das
Abhängigkeitsverhältnis entsteht dadurch, dass ein Schuldner – als
Sicherheit für einen Kredit – seine Arbeitskraft zur Verfügung stellen
muss. Der Gläubiger kann dabei willkürlich über die Art und die Dauer der
Abhängigkeit entscheiden. In den meisten Ländern der Welt ist
Schuldknechtschaft verboten. Große Bedeutung im Kampf gegen die
Ausbeutung von Kindern hat in diesem Zusammenhang die oben
erwähnte Konvention 182 (Übereinkommen über das Verbot und
unverzügliche Maßnahmen zur Beseitigung der schlimmsten Formen der
Kinderarbeit) der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Bislang
haben mehr als 160 Staaten diese Konvention ratifiziert und sich zum
Verbot der Schuldknechtschaft verpflichtet.

In machen Staaten, etwa in Indien, ist Schuldknechtschaft weiterhin sehr
verbreitet. In vielen Regionen des Landes müssen dort Familien hart für
ihr Überleben kämpfen. In ihrer Not nehmen Bauern Kredite – meist
verbunden mit horrenden Zinsen – bei unseriösen Geldverleiern auf, um
etwa Saatgut oder andere lebenswichtige Dinge zu kaufen. Als
Gegenleistung verlangen die Geldgeber, dass die Familiemitglieder, vor
allem aber die Kinder, die Schulden abarbeiten müssen. Dabei sind sie
schutzlos den Ausbeutungspraktiken und der Willkür ihrer sog.
Arbeitgeber ausgeliefert. Nach Schätzungen arbeiten heute noch immer
5,7 Millionen Kinder in Schuldknechtschaft.

Weltweites Aufsehen erregte vor Jahren der Fall des pakistanischen
Jungen Iqbal Masih. Im Alter von vier Jahren wurde der Junge damals als
Schuldknecht an den Besitzer einer Teppichfabrik verkauft. Die
Schuldsumme betrug umgerechnet 12 US-Dollar. Mehrere Fluchtversuche
des Kindes scheiterten. Sechs Jahre musste der Junge täglich 16
Stunden arbeiten, bis er von Mitgliedern einer pakistanischen
Organisation gegen Schuldknechtschaft (Bonded Labour Liberation Front)
befreit wurde. Infolge der langen und harten Arbeit sowie mangelnder
Ernährung war sein körperliches Wachstum zurückgeblieben. Nach seiner
Befreiung konnte er eine Schule besuchen.

Mit Unterstützung der pakistanischen Organisation gegen
Schuldknechtschaft engagierte er sich für die Rechte der Kinder. Sein
Engagement, das bald über die Grenzen des Landes bekannt wurde,
führte zur Befreiung vieler Kinder aus der Schuldknechtschaft. Im Jahre
1995 wurde er in den USA für seinen Kampf gegen Schuldknechtschaft
mit einem Menschenrechtspreis ausgezeichnet. Am 16. April 1995 wurde
der Junge in der Nähe seines Heimatortes ermordet. Die Umstände
dieses Verbrechens sind bis heute nicht eindeutig geklärt.

Schlussbemerkung zweiter Teil

Es ist offensichtlich, dass hinter all dem Elend massive wirtschaftliche
Interessen stecken, die vor nichts zurück schrecken und keine Skrupel
kennen. Die Frage an uns alle ist, ob wir ebenso skrupellos sein wollen –
nichts anderes ist es nämlich, dieses System der Ausbeutung zu
konservieren oder gar noch zu stärken. Da die politischen
Steigbügelhalter dieses Systems offenbar nicht einsichtig sind oder sein
können, müssen sie gezwungen werden ihre Politik zu unterlassen. Die
Mittel dazu, liegen in unserer Hand…


Wilfried John


Teil III befasst sich mit der Frage, was wir als Verbraucher tun können
um ausgebeuteten Kindern zu helfen.


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