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Thema: Komm, spielen wir Schicksal – Über Ausbeutung von Kindern Teil III – Was wir tun können

icon1 Komm, spielen wir Schicksal – Über Ausbeutung von Kindern Teil III – Was wir tun können Datum: 12.06.2009, 12:22
Wilfried John (Silber Super-Member)
Es gibt keine großen Entdeckungen und keinen Fortschritt, solange es
noch ein unglückliches Kind auf der Welt gibt.
Albert Einstein

Fortsetzung von Teil 2


Was Verbraucher tun können

Jeder kann etwas gegen die Ausbeutung von Kindern tun. Wichtig bei
allen Anstrengungen gegen ausbeuterische Kinderarbeit ist, dass jedes
einzelne Kind tatsächlich eine sinnvolle Alternative bekommt: In der
Regel ist das der Besuch einer Schule oder eine Ausbildung.
Allein mit Aufrufen zum Boykott von Firmen und Produkten ist es nicht
getan. Beispiele aus der Vergangenheit haben gezeigt, dass solche
Aufrufe nur zur Entlassung der Kinder führten, ohne ihnen aber eine
alternative Überlebensperspektive anzubieten.

Eine andere Gefahr besteht darin, dass Firmen, die in die öffentliche Kritik
geraten, ihre Produktionsstätten in politisch abgeschottete Länder wie
China oder Burma verlagern. Dort sind sie vor kritischen Nachfragen und
Recherchen sicher. Vor diesem Hintergrund sind
Menschenrechtsorganisationen wie z.B. „Terre des Hommes“ gegen
solche Boykottaufrufe. Erfolg versprechender sind Ansätze, die das
soziale Umfeld arbeitender Kinder verbessern.

Kaufverhalten

Kaufen Sie, wo möglich, Produkte aus „Fairem Handel“ oder mit
einem seriösen Sozialsiegel. Diese Kennzeichnungen sind eine
Möglichkeit zu erkennen, unter welchen Bedingungen Produkte
hergestellt wurden. Die Angabe des Herstellungslandes sagt wenig aus,
denn dort kann es Betriebe ohne Kinderarbeiter geben und gleichzeitig
solche, die Kinder ausbeuten. Auch Markenartikel und teure
Designerprodukte können unter Beteiligung von Kindern hergestellt sein.
Der Endpreis einer Ware allein lässt in der Regel keine Rückschlüsse auf
die Herstellungsbedingungen zu.

Sorgen Sie dafür, dass auch Großverbraucher zu gesiegelten Produkten
greifen: In Kantinen kann TransFair-Kaffee ausgeschenkt werden,
Gewerkschaften, Vereine oder Pfarrgemeinden können nur noch Blumen
aus gesiegelter Produktion oder heimischen Betrieben verschenken.
Sportvereine können Bälle aus Fairem Handel anschaffen. Schreiben Sie
an Handelsunternehmen und fragen Sie, wie diese Firma zu Kinderarbeit
steht. Solche Nachfragen zeigen Unternehmen, dass Verbraucher ein
Interesse daran haben, dass Waren nicht nur gut und günstig sind,
sondern auch unter Einhaltung der Menschenrechte hergestellt werden.
Unterstützen Sie unsere Projekte für Kinderarbeiter mit Ihrer Spende.
Vor Ort kann direkt geholfen werden – auch der großen Mehrheit der
Kinderarbeiter, die nicht für den Export in Industriestaaten arbeiten.

Faire öffentliche Beschaffung

Bund, Länder und Kommunen geben pro Jahr 360 Milliarden Euro für
Beschaffungen aus. Darunter sind auch Produkte, in denen Kinderarbeit
und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen für Erwachsene stecken
können, wie etwa Natursteine für Bauten und Straßenpflaster,
Berufsbekleidung, Sportbälle, Kaffee, Tee und Orangensaft. Dass faire
kommunale Beschaffung dort am besten funktioniert, wo eine lebendige
Zivilgesellschaft nicht nur von außen der öffentlichen Verwaltung Anstöße
gibt, sondern in den Gemeinden Bewusstsein für die Problematik schafft,
zeigt das Beispiel der Stadt Neuss. Dort hat sich z.B. die örtliche „Terre
des Hommes-Arbeitsgruppe“ in einem lokalen Bündnis erfolgreich für
soziale und ökofaire Kriterien im städtischen Einkaufswesen eingesetzt.

Nicht überall sind solche Initiativen bei ihrem Stadtparlament oder der
Verwaltung auf so offene Ohren gestoßen. Mancherorts gerät das Thema
in den Parteienstreit, und es fehlt so an einer mehrheitsfähigen Basis.
Nicht selten scheitert das Anliegen an den Sparmaßnahmen der Städte
und Kommunen. Aber selbst dort, wo Bedenken in Rat und Öffentlichkeit
über mögliche Mehrkosten beseitigt werden und das Schicksal von
ausgebeuteten Kindern im Süden ins Bewusstsein gerückt werden
konnten, hapert es häufig an der Umsetzung. So kann es passieren,
dass dem positiven Beschluss des Stadtparlamentes keine
Umsetzungsschritte und -bestimmungen folgen. Und mancherorts ist das
Thema Kinderarbeit nicht in den Köpfen der Mitarbeiter der
Beschaffungsstelle präsent und wird folglich bei den Kaufentscheidungen
nicht berücksichtigt.

Fragen Sie ihre Abgeordneten

Eine ökofaire Beschaffung ist zunächst schwierig und aufwendig. Bei
vielen Produkten gibt es keine ökofairen Anbieter. Und häufig fehlt die
Zeit, sich nach Anbietern mit fairen Produkten zu erkundigen. Schwierig
ist es auch, die Seriosität der Anbieter zu prüfen und die Verfügbarkeit
der Ware und Bestellmengen unter Zeitknappheit zu klären. Diese
Schwierigkeiten führen nicht selten dazu, dass wieder auf die bewährten
Anbieter zurückgegriffen wird. Doch es hat sich einiges verändert. So
können die Einkäufer aus den Beschaffungsstellen der Kommunen
mittlerweile auf den Rat der Servicestelle »Kommunen in der Einen Welt«
von INWENT zurückgreifen.

Unter dem Motto »Keine Steuergelder für ausbeuterische Kinderarbeit«
forderte terre des hommes deshalb im Juni 2008 die baldige Umsetzung
der EU-Richtlinien 2004/17/EG Artikel 38 und 2004/18/EG Artikel 26 in
nationales Recht über eine verbindliche Verankerung ökologischer und
sozialer Kriterien. In einer Briefaktion wurden die
Bundestagsabgeordneten aufgefordert, in den im Herbst
bevorstehenden Beratungen im Parlament auf das Prinzip der
Verbindlichkeit zu drängen. Nur so kann sichergestellt werden, dass der
Schutz von Kindern vor Ausbeutung nicht ins Belieben von Behörden
gestellt oder vom Engagement einzelner Mitarbeitern abhängt. So kann
auch erreicht werden, dass für alle Kommunen die gleichen
Ausgangsbedingungen gelten.

Forderungen und Ziele

Kinder, die ausgebeutet werden, müssen aus diesen
Arbeitsverhältnissen befreit werden und eine Ausbildung bekommen.
Arbeitende Kinder müssen gestärkt werden und für ihre Rechte
eintreten. Viele Menschenrechtsorganisationen gehen davon aus, dass
Kinderarbeit nicht immer und überall schlecht ist. Wichtig ist, zwischen
Ausbeutung und sinnvoller Arbeit zu unterscheiden: Fachleute aus Afrika
betonen immer wieder, dass die Mitarbeit von Kindern zum Beispiel auf
dem Hof der Eltern traditionell zur Erziehung gehört. Wissenschaftler und
Aktivisten in Lateinamerika setzen sich für das Recht der Kinder auf
Arbeit ein und stellen den westlichen Begriff von Kindheit in Frage, nach
dem Kinder geschützt werden und sehr lange Zeit nicht aktiv am
gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Ausbeutung aber, darin sind sich
alle einig, muss abgeschafft werden.

Die schlimmsten Formen der Kinderarbeit müssen sofort beseitigt
werden. Dazu zählen nach der ILO Konvention 182 vom 17. Juni 1999:

a) alle Formen der Sklaverei oder sklavereiähnlicher Praktiken, wie den
Kinderverkauf und den Kinderhandel, Schuldknechtschaft und
Leibeigenschaft und Zwangsarbeit, einschließlich der Zwangsrekrutierung
von Kindern in bewaffneten Konflikten;
b) die Heranziehung, die Vermittlung oder das Anbieten eines Kindes zur
Prostitution, zur Herstellung von Pornographie oder zu pornographischen
Darbietungen;
c) die Heranziehung, die Vermittlung oder das Anbieten eines Kindes zu
unerlaubten Tätigkeiten, insbesondere zur Gewinnung von Drogen und
zum Verkehr mit Drogen, wie sie in den einschlägigen internationalen
Übereinkünften definiert sind;
d) Arbeit, die ihrer Natur nach oder auf Grund der Umstände, unter
denen sie verrichtet wird, voraussichtlich für die Gesundheit, die
Sicherheit oder die Sittlichkeit von Kindern schädlich ist.

Wir, die Kinderarbeiter der Welt

Statt eines Schlusswortes von mir, lasse ich lieber die Kinder selbst zu
Wort kommen. Dazu dient mir die Abschlusserklärung des VII. Treffens
der Bewegung arbeitender Kinder Lateinamerikas und der Karibik
(MOLACNATs). An dem Treffen nahmen Delegierte aus Guatemala,
Kolumbien, Paraguay, Peru und Venezuela, sowie Gastdelegierte aus
Bolivien und Ecuador teil. Parallel zu dem Treffen fand eine Konferenz von
Mitarbeiter/innen (colaboradores) der Kinderbewegungen sowie
Vertretern von ItaliaNats, ProNATs und Save the Children Schweden statt.

Erklärung von Cachipay

Cachipay, Kolumbien, 14. bis 21. März 2008
Wir, die arbeitenden Kinder (Niños, Niñas y Adolesentes Trabajadores -
NATs) Lateinamerikas, haben uns in Cachipay (Kolumbien) zu unserem
VII. kontinentalen Treffen versammelt, um miteinander über unsere
Erfahrungen und Lebensbedingungen zu sprechen. Es haben Delegierte
aus Kolumbien, Paraguay, Peru, Venezuela, Ecuador, Guatemala und
Bolivien teilgenommen; ebenso Schwesternorganisationen aus Europa
wie ItaliaNats und ProNATs.

Unser Treffen bezeugt, dass die Bewegung der arbeitenden Kinder
Lateinamerikas und der Karibik eine Realität ist. Sie ist das Ergebnis
einer mehr als 30-jähringen Geschichte der Organisationen arbeitender
Kinder, die in Lima (Peru) begann und dank zahlreicher Treffen und
Aktionen weitergeführt wurde. Das letzte dieser Treffen fand 2001 in La
Asunción (Paraguay) statt. Der ganze Prozess lag in den Händen
arbeitender Kinder und fand die Unterstützung verbündeter
Organisationen wie Save the Children Schweden und terre des hommes
Deutschland.

Während des Treffens haben wir die Bewegung der arbeitenden Kinder
Guatemalas (MONNATSGUA) in unser Koordinationsgremium
aufgenommen, dem wie bisher Delegierte aus Kolumbien, Paraguay, Peru
und Venezuela angehören. Es stimmt unsere Aktionen aufeinander ab
und repräsentiert uns bei allen Gelegenheiten. Des Weiteren haben wir
zwei Delegierte für die Weltbewegung arbeitender Kinder gewählt, die
die Aufgabe haben, der Bewegung der arbeitenden Kinder nicht nur in
Lateinamerika, sondern in der ganzen Welt neue Impulse zu geben.
Ebenso haben wir ein Redaktionskomitee gebildet, das die auf dem
Treffen beschlossenen Grundprinzipien unserer Bewegung und unsere
Statuten ausformulieren wird.

Im Rahmen unseres Nachhaltigkeits-Projektes haben wir einen
dreijährigen Aktionsplan erarbeitet, der die politischen und sozialen
Ideale unserer Bewegung in die Tat umsetzt und die von den
organisierten arbeitenden Kindern und ihren erwachsenen
Mitarbeiter/innen gemeinsam vertretene kritische Wertschätzung der
Arbeit zum Ausdruck bringt. Der Aktionsplan wird dazu dienen, uns
bekannter zu machen und besser in die Lage zu versetzen, mehr
arbeitende Kinder und die soziale Anerkennung zu erreichen.

Die gemeinsame Organisation (MOLACNATs) ist für uns ein Mittel, um
solidarischer und stärker zu sein und überall mit einer Stimme zu
sprechen. Wir haben uns verpflichtet, unsere Rechte voranzubringen und
Aktionen zu entwickeln, die die Armut verringern und unsere
Arbeitsbedingungen verbessern, sowie den sozialen Ausschluss und die
Gewalt gegen Kinder, vor allem gegen arbeitende Kinder, bekämpfen.
Wir setzen uns dafür ein, dass Kinder in Würde arbeiten können, und
verteidigen diese Arbeit. Sie ist für uns ebenso ein Mittel, um die aktive
Partizipation der Kinder bei allen sich bietenden Gelegenheiten
voranzubringen.

Wir sind die vorrangigen Akteure bei der Verbesserung unserer Lebens-
und Arbeitsbedingungen und setzen uns deshalb für Alternativen
würdiger Arbeit und bessere Möglichkeiten zur Ausbildung und aktiven
Partizipation der arbeitenden Kinder ein. Auf diesem Treffen haben wir
uns für gemeinsame Aktivitäten aller Bewegungen der arbeitenden
Kinder Lateinamerikas entschieden, die die soziale Anerkennung aller
Kinder zum Ziel haben. Mit unserer Bewegung haben wir schon viel
erreicht, aber wir lassen nicht nach, für folgende Ziele weiter zu kämpfen:

> Nationale Regierungen und die Bevölkerungen im Allgemeinen
müssen unsere Rechte beachten und respektieren. Im vorliegenden Fall
fordern wir als Betroffene insbesondere, dass die in Peru, Paraguay und
Kolumbien und anderen Ländern mit der Reform von Gesetzen
einhergehenden Verfolgungen und Festnahmen von arbeitenden Kindern
beendet werden. Wir schlagen vor, im Dialog mit uns alternative
Lösungen zu suchen, die in Übereinstimmung mit der UN-
Kinderrechtskonvention stehen. Unsere Rechte bleiben nur gewahrt,
wenn all diese Aktionen endlich aufhören.
> Uns arbeitenden Kindern muss zugehört werden und bei
Entscheidungen, die uns betreffen, müssen wir einbezogen werden,
wobei unsere Vorschläge zu berücksichtigen sind (Gelegenheiten dazu
bestehen gegenwärtig in Bolivien und Venezuela, wo Kindergesetze
unter aktiver Mitwirkung der arbeitenden Kinder in Planung sind, die zur
Verbesserung unserer Lebens- und Arbeitsbedingungen beitragen
können).
> Als lateinamerikanische Bewegung setzen wir uns für ein
neues Kindheitsparadigma ein, das wir auf diesem Treffen gemeinsam
mit erwachsenen Mitarbeiter/innen erarbeitet haben. (Anm. d. Autors:
Demnach werden Kinder nicht länger als inkompetent und nachgeordnet
oder als bloßes Potential für die Zukunft betrachtet, sondern als
kompetente Subjekte der Gegenwart, die einen wesentlichen Beitrag zur
Verbesserung der Gesellschaft leisten und Verantwortung übernehmen
können. Die in eigenen Bewegungen organisierten arbeitenden Kinder
verstehen sich als Repräsentant/innen und Protagonist/innen dieses
Paradigmas.)
> Wir haben aktiv daran mitgewirkt, eine Internet-Plattform
einzurichten, auf der wir unsere Realität als organisierte Bewegung und
soziale Akteure sichtbar machen. (Anm. d. Autors: Die neue Plattform
dient auch der Kommunikation zwischen den arbeitenden Kindern des
Kontinents und stärkt den Zusammenhalt zwischen den Bewegungen der
einzelnen Länder.)
> Wir wollen eine Verbesserung unserer Lebensbedingungen
erreichen, die auf Vorschlägen für eine Solidarische Ökonomie beruht, die
wir als arbeitende Kinder selbst entwickeln und praktizieren.
> Während unseres Treffen konstituierte sich ein
Lateinamerikanisches Netzwerk der (erwachsenen) Mitarbeiter/innen, die
uns vertrauen, zur Seite stehen und sich entschieden haben, mit und für
die arbeitenden Kinder im Sinne der kritischen Wertschätzung der Arbeit
zu kämpfen.

Auf zur gemeinsamen Bewegung für die Respektierung der Rechte und
der Stimme der arbeitenden Kinder. Die arbeitenden Kinder wissen
selbst, was zu sagen ist! Wir sind nicht das Problem, sondern die
Lösung!


Es lebe die würdige Arbeit der arbeitenden Kinder!


Solidarität mit den arbeitenden Kindern

Wilfried John



Dieser Artikel beruht teilweise auf Veröffentlichungen von terre
des hommes. Weitere Informationen unter: http://www.tdh.de/content/index.htm


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