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Thema: Im Horror des Alltags – Über den internationalen Kinderhandel. Teil II: Die Handelswege

icon1 Im Horror des Alltags – Über den internationalen Kinderhandel. Teil II: Die Handelswege Datum: 01.07.2009, 16:31
Wilfried John (Silber Super-Member)
Das Geld zieht nur den Eigennutz an und verführt stets
unwiderstehlich zum Missbrauch.
Albert Einstein

Nachdem ich im Teil I versuchte auf die Ursachen und Formen des
Menschenhandels allgemein und speziell auf die Ursachen und Formen
des Handels von Kindern in den Ländern der sog. Dritten Welt
einzugehen, möchte ich mich in diesem Teil II noch ein wenig mit den
Formen des Handels mit Kindern hier in Europa beschäftigen und einen
Blick auf die internationalen und nationalen Handelwege – sozusagen die
Vertriebsorganisation – werfen.


Wie ich schon in Teil I darzustellen versuchte, geht es beim Handel mit
Kindern um internationale und organisierte Kriminalität. Ob bei
Einzeltätern oder organisierte Händlernetzwerken, das vorrangiges Motiv
ist immer der wirtschaftliche Gewinn. Wie sich dieser Profit in den
Ländern der sog. Dritten Welt erzielen lässt, setze ich als bekannt
voraus: Mitarbeit in Werkstätten der Zulieferer, in Haushalten oder
Plantagen, in Steinbrüchen oder Fabriken, bei der Prostitution und
Pornographie, beim Stehlen oder Betteln…Das wirft horrende Profite ab
und so entstehen auch hierzulande Begehrlichkeiten; die auf den ersten
Blick nicht direkt mit dem Handel von Kindern zu tun haben. Es sollte aber
doch jedem einleuchten, dass z.B. die Absicht hohe Renditen durch den
Handel mit Aktien international operierender Konzerne zu erzielen, die in
sog. Billiglohnländern nachweislich Kinder ausbeuten, auch eine Form der
Beteiligung an den kriminellen Machenschaften des Handels mit Kindern
ist.

Kinderhandel auch in Europa

Die Existenz dieser „Ware Kind“ ist allerdings keineswegs ein Problem
der Entwicklungsländer. Wenn ich hier von Europa schreibe, dann fühle
ich selbst den Reflex sofort an Osteuropa zu denken… allerdings ist
dieser Reflex nur vordergründig plausibel, denn ohne die Nachfrage in
Westeuropa würden nicht unzählige Mädchen und Jungen jährlich,
zumeist aus Osteuropa, aber auch aus afrikanischen und asiatischen
Ländern, zu uns gelangen. Im Gegensatz zu den Ländern der sog.
Dritten Welt werden diese Kinder in Europa nicht oder sehr selten im
Produktionssektor eingesetzt. Sie werden vielmehr gleich in kriminellen
Milieus eingeschleust um als Diebe, Drogenkuriere oder Prostituierte
missbraucht zu werden.

Auch wenn man die Zielländer nicht immer als reich bezeichnen kann, so
sind sie aber immerhin wohlhabender als die Heimatländer und stellen
mit ihrem (oftmals nur vorgegaukelten) Bedarf an billigen
Dienstleistungen verschiedener Art einen Anziehungspunkt für viele dar,
die einen Weg aus der heimischen Misere suchen. Dass es oft gar keine
Zukunftsperspektive gibt, stellt sich erst heraus, nachdem die Kinder ein
Martyrium aus körperlicher und seelischer Gewalt, Demütigung, Angst
und völliger Entrechtung hinter sich haben. Aus oben genannten
Gründen ist grade Europa äußerst berüchtigt: Wer hier im kriminellen
Milieu zu arbeiten gezwungen ist, ist gleich „doppelt entrechtet“.

Kinderhandel und Auslandsadoptionen

Für die meisten Kinder, zumal für Mädchen, gibt es nicht einmal einen
Weg zurück: Sexuell ausgebeutete Kinder werden in vielen Kulturen zu
Verstoßenen, andere schämen sich, weil sie ihren Familien nicht das
erwartete Geld bringen können. Kinder, die schon mit vier Jahren
verkauft wurden, können sich nicht mehr erinnern, woher sie überhaupt
kommen. Und viele Jungen und Mädchen bezahlen die Strapazen der
jahrelangen Ausbeutung mit ihrem Leben; unzählige Mädchen etwa, die
in Bordellen missbraucht wurden, leiden an Geschlechtskrankheiten oder
sind HIV-infiziert.

Eine Nachfrage nach Kindern besteht außerdem in einem ganz anderen
Bereich, der zumal sogar im Ruf steht besonders sozial zu sein: In vielen
westlichen Ländern gibt es mehr Paare, die ein Kind adoptieren wollen,
als es Babys gibt, die Eltern benötigen. Aus dieser Nachfrage hat sich ein
Markt entwickelt, auf dem Kinder an den offiziellen Adoptionsstellen
vorbei, häufig gegen hohe Summen, vermittelt werden. Zwielichtige
Organisationen, skrupellose Anwälte und eine Einstellung, die das
Eigeninteresse höher wertet als das Wohl des Kindes, sorgen dafür,
dass der Nachschub nicht abreißt. Selbst wenn dafür Kinder geraubt oder
gegenüber der Mutter nach der Geburt für tot erklärt werden. Man nennt
das nüchtern „illegale kommerzielle Adoptionen“ – der „Markt“ ist größer
als man denkt… und vor allem zahlungskräftig.

Routen des Kinderhandels

Indien. Die häufigsten Formen des Kinderhandels finden sich in
Südasien. Zu den besonders verwundbaren Gruppen zählen hier die
Kinder aus benachteiligten ethnischen Minderheiten. In Indien besteht
eine dauernde Nachfrage nach Mädchen und jungen Frauen für Bordelle
und in Gebieten mit viel Sextourismus. Die Opfer, darunter auch Jungen,
stammen aus Bangladesch, Nepal und Indien. Zudem ist in Indien das
Phänomen der religiösen Prostitution verbreitet. Beim Devadasi-Kult
werden junge Mädchen im Alter von fünf bis neun Jahren, meist aus den
armen Familien der unteren Kasten stammend, durch eine Zeremonie in
einem Tempel mit der Gottheit „verheiratet“. Nach dieser Zeremonie
bleiben sie im Tempel, um Männern als Prostituierte zu dienen.

Verbreitet ist auch die Schuldknechtschaft: Kinder müssen die Schulden
ihrer Eltern abarbeiten und arbeiten unter ausbeuterischen
Verhältnissen in der Fischerei, in der Textilindustrie, bei der Hausarbeit,
in der Landwirtschaft, im Baugewerbe und im Handwerk.
„Gehandelte Mädchen“ werden im Norden Indiens außerdem als
Tänzerinnen in der Vergnügungsindustrie eingesetzt, während Jungen
als Kameljockeys in die Golfstaaten verkauft werden. Mädchen und junge
Frauen werden sowohl innerhalb Indiens als auch außerhalb des Landes
als Ehefrauen verkauft. Kinder werden außerdem an ausländische Paare
zur Adoption vermittelt/ verkauft.

Südostasien. Kinderhandel in Südostasien existiert innerhalb der
Grenzen eines Landes wie auch grenzüberschreitend. Als Arbeitskräfte
missbraucht werden Kinder in den Bereichen Industrie, Fischerei,
Landwirtschaft, Viehzucht, Textilverarbeitung und Handwerk sowie als
Haushaltshilfen. Des Weiteren werden „gehandelte Kinder“ zu illegalen
Tätigkeiten wie Betteln, Straßenhandel und Drogenhandel gezwungen.
In Thailand sind die Opfer dieser Form der Ausbeutung extrem jung, da
ab dem 14. Lebensjahr bei Drogenhandel die Todesstrafe droht. Vietnam
ist weltweit eines der Hauptherkunftsländer für Adoptionen. Die
Neugeborenen werden nach Nordamerika, Europa und Australien
verkauft. Ebenfalls aus Vietnam stammen viele Mädchen, die zur
Zwangsheirat nach China, Europa, Macao oder Taiwan gehandelt werden.

In den Bürgerkriegsregionen von Indonesien, Burma und den Philippinen
werden verschleppte Kinder für staatliche Armeen oder andere
bewaffnete Gruppen eingesetzt. In Südostasien erreicht der
Kinderhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung das größte Ausmaß.
Hauptdrehscheibe in dieser Region ist Thailand, wo Kinder aus den
ländlichen Gebieten, aus Burma, Kambodscha, Laos, Südchina und
Osteuropa zur Prostitution in die Großstädte und Touristengebiete
gebracht werden. Thailändische Kinder wiederum gelangen nach
Malaysia, Hongkong, Taiwan und Japan. Auf den Philippinen und in
Indonesien werden Kinder aus den ländlichen Regionen in die Großstädte
gebracht und zur Prostitution gezwungen. Des Weiteren gelangen
philippinische Mädchen in arabische Länder, wo sie als Hausmädchen
ausgebeutet werden.

Westafrika. In Westafrika werden Jungen aus Burkina Faso und
Mali an die Elfenbeinküste oder nach Ghana zur Ausbeutung ihrer
Arbeitskraft auf Plantagen gehandelt. Mädchen aus Benin, Mali, Togo und
Burkina Faso werden in die westafrikanischen Nachbarländer, die Golf-
Staaten oder nach Europa verkauft, wo sie als Dienstmädchen schuften
müssen. Viele Kinder entschließen sich selbst, ihre Dörfer zu verlassen
und geraten dann in die Hände von Schleppern und Vermittlerinnen,
welche die regionale Tradition der Wanderarbeit ausnutzen, um ihre
Opfer gezielt in sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse zu locken.
Kinderhandel findet jedoch auch innerhalb des Landes, z.B. von den
ärmeren in wohlhabendere Gegenden Burkina Fasos, statt. Eine andere
Form der Ausbeutung betrifft die Koranschüler, die Talibé: Statt einer
religiösen Ausbildung, Arbeit und Unterkunft werden sie von ihren
Lehrern gezwungen, täglich eine bestimmte Summe zu erbetteln und
abzuliefern. Manche Koranlehrer vermieten auch die Arbeitskraft ihrer
Schüler.

Südliches Afrika. Südafrika ist eine Drehscheibe des Geschäfts mit
Kindern in der Region. Von hier werden Kinder, die aus Sambia, Kenia,
Senegal, Tansania, Uganda, Angola und Mosambik stammen, nach
Südostasien in die Prostitution weiterverkauft. Südafrika ist aber auch
Zielland für Mädchen aus Südostasien und den osteuropäischen Staaten.
Des Weiteren werden Kinder zum Zwecke der Ausbeutung durch Arbeit
und in illegale Tätigkeiten gehandelt. Sie müssen als Haussklavinnen
oder im Kleingewerbe schuften. Wenn sie von Banden rekrutiert werden,
sind sie gezwungen, Diebstähle zu begehen, Drogen zu handeln oder in
illegalen Bars zu arbeiten. Mädchen werden auch von Familie zu Familie
verkauft, um unter dem Vorwand der Heirat sexuell missbraucht zu
werden.

Süd- und Mittelamerika. Aus Mittel- und Südamerika werden Kinder
im Rahmen kommerzieller Adoptionen nach Nordamerika und Europa
verkauft. Auch Fälle des Handels von Minderjährigen zum Zwecke des
kommerziellen sexuellen Missbrauchs in den Vereinigten Staaten, Europa
oder Ostasien sind bekannt geworden. Zur Arbeit als Hausmädchen und
zur Ausbeutung in Fabriken, auf Baustellen und in der Landwirtschaft
gelangen Kinder aus Ecuador, Peru und Bolivien in den Norden Chiles
sowie nach Argentinien und Brasilien. Besonders in den weitgehend
rechtsfreien sog. Exportproduktionszonen (EPZ), die oft von privaten
Sicherheitsdiensten mit Waffengewalt abgeschirmt werden, lassen sich
Kinder „besonders gut“ ausbeuten.

Im Verhältnis zur eigenen Größe ist Bolivien eines der
Hauptentsendeländer in Südamerika. Aus den vorwiegend ländlichen
Gebieten werden die Kinder in andere Regionen des Landes oder aber in
die Nachbarländer transportiert, wo sie oft im Haushalt, in der
Landwirtschaft, im Straßenhandel sowie im industriellen und
handwerklichen Bereich mehr als zwölf Stunden unter widrigsten
Verhältnissen schuften müssen. Auch die kommerzielle Adoption ist in
Bolivien ein florierendes Geschäft. Die Kinder werden überwiegend nach
Nordamerika und Südeuropa vermittelt. In Mittelamerika ist Guatemala
ein zentrales Transitland, von wo aus Kinder aus Honduras, El Salvador
und Nicaragua zu Zwecken der kommerziellen Adoption oder Prostitution
nach Mexiko, Nordamerika und Westeuropa gehandelt werden.

Europa. Die in EU-Mitgliedstaaten ausgebeuteten Kinder stammen
zunehmend aus ost- und südosteuropäischen Ländern. Aber auch
Mädchen aus Afrika und Asien zieht es auf der Suche nach einem
besseren Leben nach Europa. In den europäischen Ländern ist ein Kind
erst mit 14 Jahren strafmündig… so werden die sinnvollen Schutzgesetze
zur Falle. Genau hier liegt der Grund, dass die Opfer der Kinderhändler
oft zu Diebstählen gezwungen, als Drogenkuriere eingesetzt und in der
Prostitution missbraucht werden. Besonders in Großbritannien und
Frankreich – mit ihrer kolonialen Vergangenheit – werden immer wieder
Fälle von Haussklavinnen aufgedeckt, die aus afrikanischen Ländern mit
falschen Versprechungen nach Europa gelockt wurden.

Fazit

Ob es sich um zwangsprostituierte Mädchen aus Osteuropa oder
minderjährige Teppichknüpfer in Indien handelt: Immer wieder ist es das
wirtschaftliche Ungleichgewicht in der Welt, das das lukrative Geschäft
mit Kindern begünstigt – auch wenn es regional verschieden ausfällt. In
den so genannten Entsendeländern ist ein Großteil der Bevölkerung von
Armut betroffen. Arbeitslosigkeit und soziale Unsicherheit treiben viele in
die Migration, traditionelle familiäre Strukturen lösen sich auf. Im Visier
der Kinderhändler sind in der Regel Jungen und Mädchen, die aus
schwierigen Lebensverhältnissen kommen oder Angehörige ethnischer
Minderheiten sind. Fehlende Hilfsangebote und mangelnde
Entschlossenheit auf staatlicher Seite, gegen Kinderhandel vorzugehen,
erleichtern das profitable Spiel der Händler. Lücken in der nationalen
Rechtsprechung, die das Phänomen häufig nicht einmal strafrechtlich
erfasst, begünstigen das. Es ist die Schande des 21. Jahrhunderts, dass
wir bei all dem zuschauen oder uns gar beteiligen…



Wilfried John



Es folgt im Teil III ein Blick auf eine mögliche, ganz private, Gegenwehr
gegen die organisierte Kriminalität des Kinderhandels.

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