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Thema: Geiz macht tot – Über indische Bauern und transnationale Konzerne

icon1 Geiz macht tot – Über indische Bauern und transnationale Konzerne Datum: 05.04.2010, 17:07
Wilfried John (Silber Super-Member)
Ein Zyniker ist ein Mensch, der von jedem Ding den Preis und von
keinem den Wert kennt.
Oscar Wilde


Ostern, die Christen feiern das Fest der Auferstehen Jesus von den
Toten. Nicht wieder auferstehen werden etwa drei Dutzend indische
Bauern, die sich nach einer (weiteren) verheerenden Missernte in der
zentralindischen Region Vidarbha, in den letzten zehn Tagen das Leben
nahmen. Nach einem Bericht des Senders NDTV am Sonntag, seien die
Landwirte, meist Baumwollfarmer, hoch verschuldet gewesen und hätten
aufgrund der Ernteausfälle sowie stark gefallener Preise für Baumwolle,
keinen Ausweg mehr aus der Krise gesehen.


Die vom Baumwollanbau geprägte Region Vidarbha, ein gürtelartig
langgestreckter Landstrich, liegt etwa 600 Kilometer nordöstlich der
Metropole Mumbai. Aufgrund des Freitods Tausender Bauern ist Vidarbha
in der Vergangenheit immer wieder als "Selbstmordgürtel" Indiens in die
Schlagzeilen geraten. Das hat seinen erschütternden Grund darin, dass –
nach Angaben der indischen Regierung – sich seit 1997 landesweit etwa
180.000 meist hoch verschuldete Landwirte das Leben genommen haben.

Die indische Regierung hatte bereis Anfang 2008 ein umgerechnet knapp
10 Milliarden Euro umfassendes Hilfspaket für den Agrarsektor
verabschiedet, mit dessen Hilfe 30 Millionen Kleinbauern die Schulden
erlassen werden sollten. Das sollte international gut aussehen… war
aber noch nicht einmal das wonach es aussah, denn das Programm galt
nur für Kredite bei Banken; die den meisten kleinen Bauern ohnehin nie
Kredit geben und gaben. Das Programm war also – bei Lichte betrachtet –
nur eine Vermeidung von Kreditausfall der Banken.

Bürgerrechtler kritisierten zu Recht, dass das Programm die massenhaften
Darlehen bei örtlichen Geldverleihern – Kredithaien, die horrende Zinsen
verlangen und viele Bauern in die Schuldknechtschaft zwingen – nicht
einschloss. Daher konnte bislang nur ein Bruchteil der betroffenen
Bauern Nutznießer der Schuldentilgung sein. Jean Ziegler verwendet
deutliche Worte: "Heute müssen wir mit ansehen, wie die Welt von
neuem feudalisiert wird. Die despotischen Herrscher sind wieder da. Die
neuen kapitalistischen Feudalsysteme besitzen nunmehr eine Macht, die
kein Kaiser, kein König, kein Papst vor ihnen je besessen hat.“ Und: "In
der Welt des Feudalismus, die durch die Abwesenheit von Lohnarbeit
definiert wird, unterjocht der Herr seine Leibeigenen durch die Schuld."

Es wird immer noch schlimmer

Die jüngste offizielle Zahl stammt aus Jahr 2007; in diesem Jahr allein
wählten 16.600 Bauern den Freitod; 2006 waren es sogar mehr als
17.000 Selbstmorde. Wenn man nachrechnet, bringt sich alle acht
Stunden in dieser indischen Agrar-Provinz ein Bauer um. Diese
schockierende Statistik lenkt zwar den Blick auf die Globalisierungsverlierer
in der sog. Boom-Ökonomie Indien, aber die Statistik bildet – wie alle
Statistiken – das wahre Ausmaß der Katastrophe nicht ab.

Nicht von der Statistik erfasst sind nämlich die hinterbliebenen Familien,
denn mit dem Selbstmord ihres Familienoberhaupts sind die Schulden
nicht etwa erledigt, sondern sie gehen an die Frauen über, die meist
keinerlei Ahnung davon haben, wie viele Kredite ihre Männer
aufgenommen haben und wie sie diese überhaupt zurückzahlen sollen.
Überdies müssen sie weiter ihre Kinder ernähren und die Äcker
bewirtschaften; meist müssen sie ihre Verwandten um Hilfe bitten… und
so werden immer weitere Kreise der Ärmsten in diesem Sog hinab in die
Schuldknechtschaft gezogen.

Oberflächlich betrachtet ist die Regierung in Neu-Delhi schuld

Ob es um den Anbau von Baumwolle oder andere landwirtschaftliche
Produkte geht, Indiens Landwirtschaft steht in allen Bereichen vor einem
weiteren Jahr mit gigantischen Umsatzverlusten; und die resultieren
nicht nur aus witterungsbedingten Missernten. Klar, das ist immer die
einfachste Erklärung, aber es gibt weitere Ursachen, die nicht natürlicher
Art sind, aber die Natur betreffen: In vielen landwirtschaftlichen Gebieten
Indiens ist durch die Intensivlandwirtschaft einiger Großunternehmen,
der Grundwasserspiegel so weit abgesunken, dass ein lohnender Anbau
durch die Kleinbauern kaum mehr möglich ist, denn die können sich z.B.
Pumptechnik nicht leisten.

Das größte Problem allerdings hat mit der Natur rein gar nichts zu tun!
Dieses Problem stellt die Politik der Zentralregierung in Neu-Delhi dar; sie
ist – oberflächlich betrachtet – sozusagen der Hauptfeind der Bauern.
Indiens Regierung hat sich – wie viele Regierungen in den Länder des
Südens auch – dem Druck der WTO beugen müssen und im Namen des
Freihandels, die Importzölle und die Subventionen heruntergefahren.
Nun müssen die Bauern mit Anbietern aus der EU und den USA
konkurrieren, deren Agrarprodukte aber durch Zölle geschützt und in
Milliardenhöhe subventioniert werden. „Gleiches Recht für alle“ gilt hier
nicht… in der WTO haben die USA und die EU das Sagen und was für
andere verordnet wird, muss man selbst ja nicht machen. Hier zeigt sich
der wirklich Schuldige. Das Ergebnis der WTO-Politik ist der beispiellose
Verfall desjenigen Produktionssektors, der in Indien einst fast eine
Milliarde Menschen ernährte.

Baumwolle zum Beispiel wurde einst als weißes Gold bezeichnet und
auch so gehandelt. Der einst nährstoffreiche Boden in der Region
Vidarbha war bestens zur Kultivierung von Baumwolle geeignet. Noch
1970 erzielte eine Tonne den Gegenwert von zwölf Gramm Gold. Doch
durch die Liberalisierung des Landes, Anfang der 1990er Jahre, verlor
Baumwolle schnell an Wert. Die Freigabe der Düngemittel- und
Saatgutpreise trieb die Produktionskosten in die Höhe, parallel sanken
die Einnahmen der Bauern immer weiter. Die Einfuhr billiger Baumwolle
aus den USA, China und Pakistan drückte schließlich den Abnahmepreis in
Indien unter die eigentlichen Produktionskosten; das will was heißen, in
einer handarbeitsintensiven Branche wie der Landwirtschaft und
Tagelöhnen von weniger als einem Euro.

"Im Interesse der Industrie hat Indien seine Zollgrenzen geöffnet –
obwohl die Landwirtschaft dafür nicht vorbereitet war", sagt Vijay
Jawandhia, Wirtschaftswissenschaftler und Sprecher von "Shetkari
Sanghatana", einer Aktivistengruppe der Baumwollbauern. Er zielt damit
einen kritischen Punkt der indischen Liberalisierung. Derzeit beträgt der
Einfuhrzoll auf Baumwolle 15 Prozent – für Zucker dagegen zum Beispiel
60 Prozent, für Reis 80 Prozent. Dazu kommt, dass die Landwirtschaft
jahrelang vernachlässigt wurde. Diese Politik macht es den Bauern heute
so gut wie unmöglich, der Weltkonkurrenz zu begegnen.

Wo viel Schatten ist, ist auch ein wenig Licht

Zur Geschichte des landwirtschaftlichen Niedergangs muss auch erwähnt
werden, dass einige wenige Inder durch diese Politik gewonnen haben.
Vor allem die Zwischenhändler hätten vom Preisverfall profitiert, sagt
Jawandhia. Vor zehn Jahren lag der Preis für Baumwolle auf dem
Weltmarkt noch bei zwei Euro pro Kilogramm. "Jetzt ist er auf unter 40
Cent gesunken." Dennoch habe sich der Stoffpreis erhöht: "In den Shops
hat man früher den Meter Stoff für 70 Cent verkauft. Heute muss man
über 1,40 Euro dafür bezahlen." Das meiste streichen die Zwischenhändler
ein.

Viele Bauern dagegen müssen in ihr Heil in Krediten suchen und
verschulden sich bei privaten Geldverleihern mit Wucherzinsen, weil
günstigere Kredite bei Banken für sie nicht zu haben sind… und das,
obwohl die Regierung günstige Saatgutkredite unter dem üblichen
Marktzins angeboten hat. Aber was ich oben zum Entschuldungs-
Programm schon gesagt habe, trifft auch auf dieses Programm zu, denn
das Geld wurde erst freigegeben, als die Zeit der Aussaat fast vorbei
war. So haben nur wenige Bauern von den zinsgünstigen Kleinkrediten
der Genossenschaftsbanken profitiert. Den meisten Bauern blieb nichts
anderes übrig, als wieder bei privaten Geldverleihern immer weitere
Kredite zu Wucherzinsen aufzunehmen – die teilweise bis zu 150 Prozent
betragen.

Die meisten privaten Geldverleiher sind zugleich die größten
Landbesitzer, Händler oder beides zugleich. "Die Farmer müssen von
diesen Geldverleihern loskommen", sagt B. L. Mungekar, Mitglied der
Planungskommission und Landwirtschaftsexperte. Das Problem ist nur:
Private Geldverleiher arbeiten noch viel skrupelloser als die Banken – und
geben auch noch Geld, wenn Kreditinstitute schon Nein sagen.
Mungekar: "Wenn die Sache dann schief geht, wählen die Bauern den
Selbstmord. Oder sie geraten in totale Abhängigkeit."

Armut auf dem Lande, Reichtum an der Börse

Über meinem Schreibtisch hatte ich einmal den Spruch aufgehängt:
„Lächle, denn es könnte schlimmer kommen. Ich lächelte… und es kam
schlimmer.“ Mittlerweile jedoch habe ich ihn wieder abgehängt…
angesichts dessen, was sich weltweit in den Ländern des Südens
abspielt. Was, werden Sie vielleicht denken, kann denn da noch
schlimmer werden? Nun, die Not der Bauern hat sich in den letzten
Jahren zum einen noch dadurch verschlimmert, dass sie auf den Feldern
immer mehr Pestizide gegen Schädlinge einsetzten – um der Konkurrenz
mit niedrigen Kosten zu begegnen. Falscher Gebrauch der chemischen
Hilfsmittel (die hierzulande meist verboten sind, weil sie die Gesundheit
zerstören wie z.B. DDT) führte jedoch dazu, dass Schädlinge resistent
wurden, die Böden ausgelaugt wurden und die Erträge sanken.

Zum anderen versprach man den Bauern, dass dieses Problem durch das
genveränderte Baumwoll-Saatgut namens "Bacillus-thuringiensis-Cotton"
zu lösen wäre. Doch die Pflanzenkeime, die der Saatgut-Multi Mahayco-
Monsanto Biotech im Jahre 2002 eingeführt hat, sind dreimal so teuer
wie konventionelle Samen und werden nur gegen langfristige
Vertragsbindung verkauft. Heute gelten sie als Flop für die Bauern: "Alle
Ankündigungen von Monsanto waren irreführend. Die aggressive
Markteinführung hat tausende Bauern in den finanziellen Ruin
getrieben", sagt R. V. Ramanjaneyulu vom Center for Sustainable
Agriculture, einer Nicht-Regierungsorganisation. Monsanto dagegen
verweist auf die "schwierigen klimatischen Bedingungen", die auch
herkömmlichen Baumwollpflanzen geschadet hätten.

Die Selbstmordrate der indischen Bauern wird in den wenigsten Medien
des Landes erwähnt. Als sich in Vidarbha der 1000. Bauer wegen
Überschuldung das Leben nahm, schauten alle auf die Börse in Mumbai
(Bombay) – dort hatte zur selben Zeit der indische Aktienindex erstmals
die 13.000-Punkte-Grenze übersprungen. Dass beides nahezu zeitgleich
geschah, charakterisiert auf bizarre Art, wie es um Indiens neue
Wirtschaftswunderwelt bestellt ist: Die Wirtschaft wächst mit
beachtlichen Raten, die Börse boomt – aber weniger als zwei Prozent
aller Haushalte in dem südasiatischen Land investieren überhaupt Geld
in Aktien.

Zum Schluss

Indien – hierzulande eine Phantasie-Landschaft und (nach China) das
Objekt der Begierde für unsere Export-Industrie oder die Arbeitsplatz-
Verlagerer. Das Land wird hier ob seiner Industriekönige und Software-
Ingenieure oder wegen der Schmachtfetzen aus Bollywood gefeiert.
Doch das ist nur die hauchdünne glänzende Oberfläche. Jeder zweite
Inder ( = ca. 600 Millionen Leute) kann nicht richtig lesen und schreiben…
zwei Drittel aller Beschäftigten finden ihr Auskommen in der Landwirtschaft.
Sie werden von der WTO, den Landwirtschaftssubventionen in den USA
und der EU und transnationalen Konzernen zu Verlierern gemacht, die
kaum jemand wahrnimmt.

Wann endlich zwingen wir die Politiker hierzulande, von der
menschenverachtenden Politik des unbeschränkten Freihandels Abstand
zu nehmen? Wann zwingen wir unsere Regierung, die das
Wirtschaftsschwergewicht Deutschland bei den Verhandlungen in Doha
vertritt, der WTO-Politik Leitplanken einzuziehen? Wann endlich
erkennen wir, dass das Los der indischen Bauern etwas mit uns
persönlich zu tun hat und treten dafür ein, dass die Politiker Konzernen
wie Monsanto nicht auch noch hierzulande Tür und Tor für ihre
genveränderten Pflanzen öffnen?

Wenn wir nichts tun um die Bedingungen für die Menschen z.B. in Indien
zu verbessern, werden diese Bedingungen gegen uns selbst
eingesetzt… und man wird mit dem Totschlags-Argument der
Globalisierung – zum Vorteil der Großfinanz und der Konzerne – in Europa
die mühsam errungenen Standards (Arbeitszeit, Löhne, Gesundheitsschutz…)
verschlechtern; wie es in Deutschland ja schon geschehen ist. Der
indische Aktivist Jawandhia träumt von Europa: "Dort bekommen die
Bauern zwei Euro am Tag, um ihre Kühe zu füttern. Hier rackern wir uns
tagein, tagaus auf unseren Feldern ab und verdienen nicht mal einen
Euro." Jawandhia spottet: "In unserem nächsten Leben sind wir lieber
Kühe in Europa als Bauern in Indien." Was wollen wir im nächsten Leben
werden, wenn hier einmal „indische Verhältnisse“ herrschen?

Wilfried John

Wer sich die Frage stellt, was man als Verbraucher direkt für die Bauern
in Indien tun kann, den verweise ich auf meinen Artikel „Komm, spielen
wir Schicksal – Über Ausbeutung von Kindern Teil III“, in dem ich über
faire öffentliche Beschaffung und sog. Sozialsiegel Auskunft gebe.

Auch wer sich über Arbeitsbedingungen und solche Begriffe wie
Schuldknechtschaft informieren möchte, findet Erklärungen in diesem
Beitrag.

http://www.bannjongg.com/cgi-bin/sbb/sbb.cgi?&a=show&forum=61&show=30&start=0#1

Wer sich über die Machenschaften Transnationaler Konzerne informieren
möchte, dem sei der Beitrag „Vorsicht, Buchbesprechung!“ empfohlen, in
dem es um das Buch „Das Imperium der Schande“ des Schweizers Jean
Ziegler geht.

http://www.bannjongg.com/cgi-bin/sbb/sbb.cgi?&a=show&forum=67&show=17&start=0#1

icon1 Re: Geiz macht tot – Über indische Bauern und transnationale Konzerne Datum: 05.04.2010, 19:20
kapverd (Gold Super-Member)
Das mit den Kühen ist verhängnisvoller Irrtum. Hier enden die Kühe nach den ertragreichen Jahren grundsätzlich beim Schlachter.

In Indien ist parallel ein ebenso großes Problem die Mehrklassengesellschaft. Da könnte der Lieblingsfeind der Kapitalisten, der Kommunismus oder die Kommunisten, erheblich schnell Abhilfe schaffen. In der Sowjetunion und in Kuba wurde die Analfabetenrate gegen Null transportiert. Oder die katholische Kirche, in der die selbstherrlichen Kastenklicken keine Zukunft hätten.

Diese bedeutet aber auch, das Indien trotz der Loslösung durch Mahathma Ghandi vom Empire und trotz gut florierender Softwareindustrie in Wirklichkeit noch einen sehr weiten Weg aus dem Mittelalter vor sich hat. Ebenso in Hinvlikc auf demokratische Rechte und auf Menschenrechte islamische Länder, wo ebenso die Kultur noch immer den kulturellen Schritt in die Neuzeit ablehnt.

Patriarchen, Kirchenfürsten und Diktatoren einschließlich Königen und Kaiser sind Ausläufer des archaischen Mittelalters. Die Entwicklung Indiens zeigt jedoch die schwierige Realität die auch Europa droht.

Ein sehr guter Artikel!

J.M.

SBB © Druckbare Version von dem Thema Geiz macht tot – Über indische Bauern und transnationale Konzerne