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Thema: Die Selbstverständlichkeit als Geschäft – Zum Weltwasserforum in Istanbul

icon1 Die Selbstverständlichkeit als Geschäft – Zum Weltwasserforum in Istanbul Datum: 18.03.2009, 10:02
Wilfried John (Silber Super-Member)
Man muss das Unmögliche fordern, damit das Mögliche erreicht wird.
Helmuth von Moltke / Che Guevara

Wasser. Es gibt für uns Dinge, die wir für so selbstverständlich halten,
dass wir uns selten Gedanken darum machen. Eines davon ist
Trinkwasser. Auch wenn uns bekannt ist, dass es in weiten Teilen der
Welt Probleme bei der Trinkwasserversorgung gibt, scheint es uns als sei
das alles weit entfernt; wir müssen doch nur den Wasserhahn
aufdrehen. Regenmangel, der in vielen Ländern des Südens regelmäßig
zu Dürren führt und jedes Jahr Hunderttausenden das Leben kostet, ist
hier (noch) unbekannt; eher schimpfen wir kollektiv über verregnete
Sommer etc..

Für den naiven Betrachter scheint die Tatsache, dass es auf der Welt das
Problem Wassermangel gibt, nicht nachvollziehbar, da doch die
Erdoberfläche zu zwei Dritteln von Wasser bedeckt ist. Schon richtig,
jedoch nur ein Prozent des weltweiten Wasservorkommens, ist als
Trinkwasser verfügbar. Um das Wasser bildeten sich so allgemeine Sätze
wie: Wasser ist Leben. Doch scheint es mir, als ob viele in unserem
Kulturkreis diesen Satz nicht konsequent zu Ende denken (wollen); z.B.
wenn er in den Zusammenhang mit der Allgemeinen Erklärung der
Menschenrechte gestellt wird. Dann lautet der Satz: Wasser ist Leben
und das Leben für alle da.

Das sehen aber längst nicht alle Menschen so. Eine kleine Gruppe sehr
mächtiger und sehr wohlhabender Menschen hat die
Selbstverständlichkeit zu einem sehr einträglichen Geschäft gemacht und
versucht alles ihren Einfluss auszubauen und zu festigen, damit sie
noch größere Geschäfte damit machen können. Betrachten wir uns
Berichterstattung in den Massenmedien in den letzten Jahren (und ich
habe wirklich intensiv recherchiert) fällt auf, dass dieses Thema kaum
vorkommt. Das ist verdächtig! Offenbar stecken mächtige Interessen
dahinter, das Thema "Monopolisierung des Wassers" nicht ins
Bewusstsein der Bevölkerungen zu bringen. Dieses Thema ist die
Nummer eins unter den vernachlässigten Themen bei der
Medienberichterstattung in den vergangenen Jahren.

Das für Mensch und Natur überlebenswichtige Element soll mehr und
mehr auf den Status einer handelbaren Ware reduziert werden, das
gewinnträchtig verkauft und gekauft werden kann wie alles andere auch.
Transnationale Konzerne versuchen in Zusammenarbeit mit der
Weltbank, dem IWF und der WTO das Trinkwasser zu privatisieren und
auf dem freien Markt als Handelsware anzubieten. Ein profitables
Geschäft wenn man bedenkt, dass sich der Verbrauch sich alle 20 Jahre
verdoppelt. Vor allem in den Ländern des Südens steigt der Bedarf
kontinuierlich… und gerade dort ist es den mächtigen Institutionen im
Konzert mit den Konzernen gelungen, dieses neoliberale Privatisierungs-
Projekt am weitesten voran zu treiben. Aber gerade dort kann man auch
sehen, wohin das führt: Zu mehr Elend, denn auch in den ärmsten
Ländern werden die Preise für Wasser ständig erhöht.

1. Die Ausgangslage

Bei einem Treffen von Wasserexperten der UNESCO, das in Paris
stattfand und das zur Vorbereitung des Weltwasserforums in Istanbul
(das zurzeit tagt) diente, forderten Wasserexperten ein Umdenken bei
der weltweiten Wasserversorgung. Nach ihrer Studie sei etwa jeder
siebte Mensch auf der Erde (das sind über 1.000.000.000 Menschen)
ohne, ohne ausreichend oder ausreichend sauberes Trinkwasser. Dabei
würde Trinkwasser nicht nur in Entwicklungsländern zur Mangelware,
sondern auch in Europa knapper.

Wegen des Bevölkerungswachstums und des Klimawandels drängen die
Wasserexperten darauf, die weltweite Wasserversorgung zu
überdenken. Die vorhandenen Vorräte müssten effizienter genutzt
werden, sonst könnten in ca. 30 Jahren doppelt so viele Menschen von
Wassernot betroffen sein. Dabei darf man das Augenmerk nicht allein nur
auf das Wasser als trinkbares Element richten. Denn 70 % des
Trinkwassers fließen, den Angaben der UNESCO zufolge, weltweit in die
landwirtschaftliche Produktion; 16 000 Liter Wasser werden allein für die
Erzeugung von einem Kilogramm Rindfleisch benötigt – das gar nicht
gebraucht würde, wenn die Menschen des reichen Nordens die
Verschwendung von Lebensmitteln reduzierten.

Laut Berechnungen des Stockholmer Wasserinstituts SIWI werden allein
in den USA jährlich ein Drittel aller Lebensmittel weggeworfen
(nun gibt es auch Zahlen für Deutschland - siehe
Aktualisierung
). Für die Produktion dieser Lebensmittel seien
40.000 Milliarden Liter Wasser verbraucht worden oder so viel, wie es
dem jährlichen Wasserbedarf für 500 Millionen Menschen entspreche.
Würde man diese Verschwendung nur halbieren, könnte nicht nur der
Wasserverbrauch sinken, sondern damit die Zunahme des
Nahrungsmittelbedarfs bis zum Jahr 2050 gedeckt werden. Zudem
gingen durch Leckagen in Wasserleitungen allein in den USA 40 Prozent
des geförderten und aufbereiteten Trinkwassers verloren. Nach einer
Untersuchung eines Wasserversorgers in Deutschland, dürfte der Verlust
durch Leckagen hierzulande bei ca. 20% liegen. Und obendrein gibt es
riesigen Investitionsbedarf für marode oder nichtvorhandene Abwasseraufbereitung.

In einem anderen Bericht, dem jüngsten Wasserbericht mit dem
Titel "Wasser in einer sich verändernden Welt", schreibt dieselbe
UNESCO Klartext: Wasser wird in Zukunft noch knapper werden. Nach
diesem Bericht werden im Jahr 2030 fünf Mrd. Menschen noch immer
keine ausreichende Sanitärversorgung besitzen, insofern nicht sofort
einschneidende Maßnahmen getroffen würden. Eine entscheidende Rolle
spiele auch der gewandelte Lebensstil, der in heute noch
unterentwickelten Ländern zu einem höheren Fleisch- und Milchkonsum
führt. Aber auch der Lebensstil in den entwickelten Ländern ist Ursache
für Mangel in den unterentwickelten Ländern; z.B. weil für einen Liter
Biodiesel bis zu 4.000 Liter Wasser nötig sind, hat auch der Anstieg sog.
alternativer Treibstoffe der letzten Jahre den Wasserverbrauch
entscheidend erhöht.

Zwar gehen Schätzungen davon aus, dass in sechs Jahren die ganze
Welt (außer die afrikanischen Länder südlich der Sahara) ausreichend mit
Trinkwasser versorgt ist, aber vom Ziel der weltweiten sanitären
Versorgung ist man jedoch weit entfernt. Das betrifft derzeit eine halbe
Mrd. Menschen alleine in Afrika sowie andere Regionen der Erde. Um das
UN-Millenniumsziel der ausreichenden Wasserversorgung zu erreichen,
müssen bisherige Anstrengungen verdoppelt werden, fordert der UN-
Bericht. Das würde zugleich jede zehnte Krankheit weltweit verhindern;
ca. 3.900 Kinder sterben täglich an Infektionen, die durch unsauberes
Trinkwasser übertragen werden.

2. Heimliche Strategie: Wasserprivatisierung

Allenthalben ist die Krise/der Zusammenbruch des Finanzsektors in aller
Munde. Auch wenn kaum jemand das kapitalistische System an sich in
Frage stellt, so sind sich die seriösen Beobachter doch zumindest darin
einig, dass die wichtigste Ursache in den ungeregelten oder
deregulierten Märkten liegt. Es ist schlicht ein Versagen der über
Jahrzehnte gepriesenen Rezepte der neoliberalen Marktideologie zu
konstatieren. Wer aber glaubt, dass diese Rezepte nur eben auf den
Finanzsektor angewendet wurden, irrt gewaltig. Eines der Hauptziele der
Transnationalen Konzerne, die im Zusammenwirken mit ihren mächtigen
Verbänden am meisten von solchen Zuständen profitieren, ist die
Privatisierung der Daseinsvorsorge; wozu nicht nur Rente, Gesundheit
und Energie gehört, sondern eben auch die Wasserversorgung.

Transnationale Konzerne versuchen in Zusammenarbeit mit der
Weltbank, des IWF und der WTO das Trinkwasser zu privatisieren und
auf dem freien Markt als Handelsware anzubieten. Im Schatten der
weltweiten Krise des Finanzsektors und trotz des beschriebenen
Scheiterns der neoliberalen Konzepte, versuchen die transnational
agierenden Konzerne weiterhin die Kontrolle über dieses Gut zu
gewinnen… und somit die Preise nach Gutdünken festzulegen.

Natürlich geht es nur ums Geschäft; und um was für eins. Der Markt
weltweit: geschätzte 430 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2010 allein für
Privatfirmen, mit weiteren Steigerungsraten. National: derzeit rund 20
Milliarden Euro Umsatz (für kommunale und private Anbieter). Die größten
Anbieter weltweit: Suez und Vivendi, RWE. National: Gelsenwasser
(Eon), mehr als 6000 meist kommunale Versorger. Man schätzt, dass
nach einer neuen Privatisierungswelle, die es – geht es nach den
Wünschen der WTO – nach Abschluss der Verhandlungen in Doha/Katar
geben könnte, nur noch rund 100 selbstständige Anbieter weltweit
geben wird; dominiert von den oben genannten Firmen.

Doch das ist nicht die einzige Gefahr. Selbst konservative Politiker, wie
z.B. Heiner Geißler (CDU – ehemals Minister im Kabinett Kohl), fürchten
um eine Legitimationskrise der Demokratie, wenn Transnationale
Konzerne solche Monopolstellungen und die daraus sich ergebende
Macht erlangen. 1997 z.B., drohte Malaysia, das im Besitz der Hälfte des
Trinkwassers von Singapur ist, die Wasserlieferung einzustellen, da es
mit der Politik des Nachbarstaates nicht einverstanden war. Nicht
auszudenken, sagen Sie, wenn Konzerne so drohen könnten? Nun, sie
können schon sehr viel: Das us-amerikanische Großunternehmen Bechtel
verdoppelte nach der Privatisierung der Wasserversorgung in
Cochabamba/Bolivien den Preis für Trinkwasser und musste sich dann
nach massiven Protesten aus dem Land zurückziehen. Bechtel verklagte
daraufhin das bettelarme Land auf 20 Milliarden Dollar Schadensersatz.
Das WTO-Schiedsgericht entschied, dass Bolivien jetzt 12 Milliarden US-
Dollar an den Bechtel Konzern für entgangene Profite zahlen muss.

Aktuelle Studien zeigen, dass die Privatisierung des Trinkwassers bisher
zudem zu keiner Verbesserung der Versorgung der ärmeren
Bevölkerungsschichten weltweit führte. Die Konzerne sind daran nicht
interessiert. Ähnlich wie bei der Energieversorgung in Deutschland, wo
Energiebeschaffung, Verteilung und Versorgung der Endkunden oftmals
durch ein einziges Unternehmen abgedeckt wird, soll es auch beim
Wasser werden. Kein Kartellamt wird das verhindern, denn die
Entscheidungen des Bundeskartellamtes sind womöglich politisch
beeinflusst, da die Übernahmen vom Wirtschaftsministerium unterstützt
werden. Die deutschen Konzerne sind auch massiv am Aufkauf der
Energie- und Trinkwassernetze weltweit beteiligt (RWE ist das weltweit
drittgrößte Unternehmen im Wassersektor). All dies fand und findet in der
Weltpresse kaum Beachtung.

An vorderster Front bei der Privatisierung stehen Institutionen wie die
Weltbank, der Internationale Währungsfonds (IWF) und die
Welthandelsorganisation (WTO), insbesondere über das
Dienstleistungsabkommen GATS, in dem u.a. Bildung, Gesundheit und
auch Wasser zur Ware werden. Der IWF zwingt bei den
Strukturanpassungsmaßnahmen insbesondere die ärmsten und hoch
verschuldeten Länder Afrikas dazu, einer Privatisierung der
Wasserversorgung zuzustimmen. Die Weltbank knüpft zum Beispiel in
Ghana die Vergabe von neuen Krediten an die Privatisierung des
Wassers. Das GATS-Abkommen, also das Abkommen über den Handel mit
Dienstleistungen, verpflichtet die Staaten, das Wasser privaten Käufern
zugänglich zu machen, sonst werden sie bei dem WTO-Schiedsgericht
verklagt, wie im Falle von Bolivien.

3. Erfahrungen mit der Wasserliberalisierung

Wasserprivatisierung bedeutet, dass ein Konzern das Wasser einer
Region kauft. Komplett. Das Grundwasser, das Quellwasser, das
Flusswasser (in einigen Regionen)... auch das Regenwasser. Diese
Erfahrung mussten die Menschen in Großbritannien seit 1987 machen,
seit mehreren Jahren wird sie überall auf der Welt gemacht. In
Deutschland hat man seit ca. einem Jahr damit angefangen und derzeit
wird von Konzernen wie RWE massiv intensiviert.

Was das genau bedeutet und welche Auswirkungen das hat, wird an
vielen Beispielen aus anderen Ländern klar: In Großbritannien wurde
1989 die Wasserversorgung und die Abwasserentsorgung vollständig
privatisiert. Ergebnisse: Die Umsatzerlöse haben sich fast verdoppelt
(von 3 Mrd. auf 5,8 Mrd. Pfund jährlich; die Gewinne sind um das
Zweieinhalbfache gestiegen (von 2,1 Mio. auf 9,3 Mio. Pfund; Direktoren-
und Managementgehälter stiegen um das Viereinhalbfache (von 2,1 Mio.
auf 9,3 Mio. Pfund; diese Summe beinhaltet nicht ihre Aktienanteile im
Wert von 24 Mio. Pfund). Gleichzeitig haben sich die Wasserpreise
nahezu verdoppelt; 2 Millionen Menschen waren 1994 im Zahlungsverzug
mit ihren Wasserrechnungen, und 12.500 Haushalten wurde allein in
diesem Jahr das Wasser abgestellt. Das Auffangen von Regenwasser ist
in Wales strafbar. Bauern müssen eine Steuer für Regenwasser zahlen,
das auf ihr Land fällt. Deshalb mussten viele in Konkurs gehen.

Frankreich. Ein Zitat aus einem Gutachten der Bundesregierung soll an
dieser Stelle reichen: „Während die Wasserversorgung in den Städten
überwiegend von privaten Anbietern übernommen wird, werden
Wasserversorgungssysteme in ländlichen Raum zumeist von
kommunalen Unternehmen betrieben. Ein Grund für die vergleichsweise
geringere Verbreitung der privaten Leistungserstellung im ländlichen
Raum ist in den Transaktionskosten der Delegation von
Versorgungsleistungen zu suchen, die bei extrem kleinen
Versorgungsgebieten unverhältnismäßig hoch sein können. ...Allerdings
liegen die Wasserpreise in den von privaten Anbietern versorgten
Gemeinden im Durchschnitt 30 % über den Preisen in den von
kommunalen Unternehmen versorgten Gemeinden. ...Berichte über
Korruptionsskandale sowie die seit 1996 stark gestiegenen Preise
beeinträchtigen die Akzeptanz privater Versorgungslösungen bei den
Verbrauchern."

Niederlande. In oben erwähnten Gutachten ist zu lesen: „Im Jahr 2000
hat die Regierung die Privatisierung der Wasserversorgung gegen den
Widerstand des Wirtschaftsministeriums und der Gemeinden verboten".
Der Grund allerdings wird in dem Gutachten verschwiegen. Aufgrund des
mit Legionellen verseuchten Trinkwassers hatte sich die öffentliche
Meinung geändert. Man wollte keine Privatisierungen mehr.

In der BRD schreitet die Privatisierung der kommunalen
Wasserversorgung ebenfalls voran, beispielsweise am Bodensee: Am 20.
November 2001 beschloss die Bodensee-Wasserversorgung die
Vermietung ihrer Anlagen an eine US-Treuhandgesellschaft (Trust), für
mindestens 29 Jahre. Der Wasserversorger wollte damit 50 Mio. DM (ca.
25 Mill. Euro) sparen; Modell stand die Wasserprivatisierung ist
Großbritannien durch Margaret Thatcher. Es kam zu einer massiven
Erhöhung von Krankheiten, die durch von Keimen kontaminiertes Wasser
ausgelöst werden (Hepatitis A um 200%, Dysentery um 600%). Aber die
Profite der Konzerne und ihrer Chefs erhöhten sich noch massiver.

4. Weltwasserforum in der Türkei

Das 5. Weltwasserforum (WWF) tagt vom 16.-22. März 2009 in
Istanbul/Türkei. Bis zu 20 000 Teilnehmende werden auf diesem Forum
erwartet, das sich dieses Mal mit dem übergreifenden Thema „Bridging
Divides for Water“ (Wasserdifferenzen überwinden) beschäftigen wird.
Das Weltwasserforum ist die größte Veranstaltung zur Wasserfrage in
der Welt und findet alle drei Jahre statt. Es wird vom Weltwasserrat
organisiert, einer Initiative, an der vor allem internationale
Organisationen, berufsständische und Forschungseinrichtungen sowie
Regierungsbehörden beteiligt sind. Das WWF ist eine einheitliche
Plattform, in deren Rahmen die unterschiedlichsten Akteure des
Wassersektors zusammen treffen, um zu debattieren und Lösungen zu
finden. Einschränkungen in der Teilnahmeregelung gibt es (offiziell) nicht.

Was sich so vornehm liest, ist in Wahrheit alles andere als fein. Das WWF
wird von Privatunternehmen beherrscht. Eine Beteiligung oder gar
Information der Öffentlichkeit ist nicht der Anspruch des WWF. Es handelt
sich um einen technokratisch und ökonomisch orientierten Blick auf die
Wasserressourcen der Welt. Beim WWF handelt es sich nicht etwa um
ein formell legitimiertes und anerkanntes politisches Gremium. Es ist
weder berechtigt noch befähigt, politische relevante Leitlinien für eine
internationale oder nationale Wasserpolitik zu formulieren. Das WWF
wird vom sog. Weltwasserrat organisiert. Der Weltwasserrat, gegründet
1996, besteht seinerseits aus 323 verschiedenen Firmen wie Suez
(Frankreich), Tokyo Construction Consultant und US Army Corps of
Engeneer Civil Works, neben internationalen Organisationen wie UNEP
und der Weltbank, von welcher das Forum auch maßgeblich finanziert
wird. Der Rat ist also ein privater Think Tank, geleitet vom CEO eines
Tochterunternehmens des transnationalen Wassergiganten Suez.
Selbstverständlich unterstützen die Konferenzveranstalter nach wie vor
Privatisierungen, obwohl es in den letzten Jahren zahlreiche Beispiele
gescheiterter Beteiligungen der Privatwirtschaft gab, und obwohl der
Widerstand in den Gemeinden gegen die Einbeziehung von privaten
Unternehmen wächst.

Von einer Beteiligung der sog. Zivilgesellschaft kann keine Rede sein;
kritische Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO´s) werden über sog.
Gebühren ferngehalten. Beim letzten WWF, lagen die Preise für Stände
auf der Wassermesse – trotz des Einsatzes von Freiwilligen – um die
25.000 Dollar. Dazu kam ein Eintrittsgeld von 600 Dollar pro Teilnehmer
und die zumeist weite und teure Anreise. So ist es folgerichtig, dass es
sowohl unter den TeilnehmerInnen als auch auf der Wassermesse kaum
VertreterInnen von kleinen NGO’s zu finden waren und nur vereinzelt
politisch oder akademisch Interessierte. Bereits im Vorfeld werden die
TeilnehmerInnen innerhalb eines sog. Registrierungsprozesses auf
kritische Äußerungen in der Presse untersucht (also ich dürfte sicher nicht
teilnehmen). Ein Bericht vom letzten Wasserforum siehe unter:
http://www.globalternative.org/de/web/318.htm

5. Internationale Wasserbewegung

Aber es gibt auch Alternativveranstaltungen, wie z.B.
das „Wassertribunal“, das vor drei Jahren parallel zum WWF in Mexiko
zum ersten Mal tagte und auch in diesem Jahr veranstaltet wurde. Leider
(mich wundert es jedoch nicht) wurde darüber in den Massenmedien
nicht berichtet. Auf diesen Alternativveranstaltungen wird eine wirklich
demokratische Alternative des Umgangs mit Wasser diskutiert. Dort
kommen Leute aus der ganzen Welt zusammen, um Wasser als
Gemeinschaftsgut und als öffentlichen Trust zu verteidigen. Mit einem
eigenen Veranstaltungsprogramm, selbstverständlich außerhalb des
offiziellen Programms des WWF, melden sich die Kritiker zu Wort. Von
den Beteiligten des ersten Wassertribunals wurde dies euphorisch
als „echter Durchbruch“ für die Bildung einer internationalen
Wasserbewegung bewertet. Skeptisch muss ich sagen, dass wir von
einer echten Wasser-Bewegung noch weit entfernt sind.

Auch in diesem Jahr versuchten kritische NGO´s, Globalisierungskritiker,
lokale Aktivisten und auch kirchliche Gruppen, mit Aktivitäten an die
Öffentlichkeit zu gehen; so z.B. mit einer großen Demonstration am
Eröffnungstag des WWF. Es sollte ein tatsächlich offener und öffentlicher
Raum geschaffen werden. Was in den Nachrichten davon gezeigt wurde,
war die türkische Polizei, die mit Wasserwerfern gegen die
Demonstranten vorging; kein Wort über die Hintergründe, kein Wort über
das Wassertribunal, kein Wort über die kritisierten türkischen
Staudammbau-Projekte an Euphrat und Tigris, die über 50.000 Menschen
die Heimat kosten und unwiederbringliche Kulturgüter wegschwemmen
werden. Kein Wort über den allgemein üblichen Umgang mit Kritikern in
der Türkei.

Neben der Kritik an bestehenden Versorgungssystemen und an der
Verletzung des Menschenrechts auf Wasser durch Regierungen und
private Unternehmen, werden selbstverständlich auch konstruktive
Vorschläge zu Lösungsmöglichkeiten für die globale Wasserkrise jenseits
der vorherrschenden Privatisierungslogik formuliert. Dazu gehören z.B.
Public-Public-Partnerschaften sowie Modelle, die die öffentliche,
demokratische Kontrolle staatlicher Versorgungssysteme verankern und
damit Misswirtschaft und Ineffizienz begegnen.

Das von der deutschen Heinrich-Böll-Stiftung maßgeblich
unterstützte „Wassertribunal“ greift als „ethisches Tribunal“ eklatante
Fälle von Missbrauch politischer oder merkantiler Macht im Bereich
Wasser aus aller Welt auf. Die Betroffenen erheben vor einer
unabhängigen Jury Anklage gegen ihrer Meinung nach erlittene
Verletzungen des Menschenrechts auf Wasser und hoffen zumindest auf
eine symbolische Anerkennung ihrer Forderungen. In einigen Fällen
erscheinen die Beklagten persönlich, um ihre Sichtweise darzulegen, in
anderen Fällen äußern sie sich schriftlich. Beim letzten „Wassertribunal“
wollte der französische Wasserkonzern Suez, der im Falle der
Wasserversorgung in El Alto/Bolivien „angeklagt“ war, nur unter
Ausschluss der Öffentlichkeit erscheinen – eine Forderung, auf die sich
weder die Kläger noch die Juroren des Tribunals einlassen wollten.
Verkündet werden die Urteile des Wassertribunals jeweils zwei Tage vor
Ende des Weltwasserforums. Ich bin auch diesmal nicht gespannt,
welche Urteile gefällt werden.

6. Menschenrecht auf Wasser

Im Laufe der letzten 10 Jahre hat sich gezeigt, dass die Privatisierungen
in allen Bereichen der Daseinsfürsorge ein Desaster vor allem für die
Armen der Welt, aber auch für die Bevölkerungen entwickelter Länder
waren – nie sind die Versprechen der Transnationalen Konzerne erfüllt
worden. Die Privatisierungen der Wasserversorgung haben in ALLEN
Ländern, in denen sie durchgeführt wurden, zu nichts anderem als zu
Preisanstiegen, zu schlechten Versorgungsleistungen und zu
Unterbrechungen der Wasserversorgung geführt. „Jene, die im
Weltwasserforum den Ton angeben, müssen gerade den
zivilgesellschaftlichen Gruppen aus der ganzen Welt zuhören, die gegen
die korporative Kontrolle von Wasserressourcen kämpfen“, sagt Tamsyn
East von World Development Movement, eine Organisation die sich vor
allem gegenüber europäischen Regierungen gegen den weltweiten
Privatisierungsdruck einsetzt.

Aufgrund der beschriebenen Misserfolge haben die auf den
Alternativveranstaltungen vertretenen Gruppen ein tiefes Misstrauen
gegenüber allen Versuchen, die Kontrolle über Wasser in die Hände
transnationaler Unternehmen, mächtiger Regierungen oder
internationaler Organisationen zu legen. Sie wissen um das Versagen
dieser globalen Akteure, das Menschenrecht auf sicheres, sauberes und
erschwingliches Wasser für alle zu sichern. Wir fordern die Regierungen
auf, das Recht auf Wasser nicht zu verletzen. Wir fordern eine
Wasserpolitik, welche die Lebensgrundlagen der zukünftigen
Generationen nicht zerstört, welche das ökologische, soziale, kulturelle
und wirtschaftliche Überleben sichert. Wasser darf nicht an
transnationale Konzerne verkauft werden. Wasser ist durch nichts
ersetzbar und notwendig für alles Leben auf diesem Planeten. Die
Privatisierung von Wasser bedeutet eine Machtkonzentration in den
Händen der Konzerne, die nicht hinnehmbar ist.

Wichtige Fragen sind international noch nicht vollständig geklärt: Wem
gehört das Trinkwasser? Soll es privatisiert werden? Welche Rollen
spielen die Regierungen? Wie können wasserarme Länder unterstützt
werden? Aber es gibt bereits Antworten:

Dass es möglich ist, die Macht der Konzerne und der neoliberalen
Kampforganisationen Weltbank, IWF und WTO zu stoppen, hat uns ein
kleines, wirtschaftlich fast unbedeutendes, sehr bedrängtes, aber
dennoch mutiges Volk vorgemacht. Uruguay hat als erstes Land der Welt
eine Volksabstimmung über das Wasser organisiert. Jetzt ist das Wasser
nach dem Willen des Volkes als öffentliches Gut für alle in der Verfassung
verankert und die Geschäftemacher bleiben draußen.

In der neuen kolumbianischen Verfassung, die erst jüngst in einer
Volksabstimmung beschlossen wurde steht: Wir überlassen den
kolonialen, republikanischen und neoliberalen Staat der Vergangenheit.
Kolumbien soll ein „…auf Respekt und Gleichheit gründender Staat, mit
Prinzipien der Selbstbestimmung, Würde, Vervollkommnung, Solidarität,
Harmonie und Gerechtigkeit in der Verteilung und Umverteilung des
Sozialproduktes, in dem das Streben nach dem guten Leben vorherrscht;
mit Respekt vor der wirtschaftlichen, sozialen, rechtlichen, politischen und
kulturellen Vielfalt der Bewohner dieses Landes; im gemeinsamen
Zusammenleben mit Zugang zu Wasser, Arbeit, Bildung,
Gesundheit und Heim für Alle“, sein.

Nach der Privatisierung der Wasserversorgung in Südafrika und den –
wie überall gemachten schlechten Erfahrungen – hat die RSA den Schutz
der Wasserressourcen ebenfalls in seine Verfassung aufgenommen. In
Spanien hat die sozialistische Regierung diesen Schritt zwar nicht
gemacht, aber die regierenden Sozialisten haben per Gesetz geregelt,
dass es zu Privatisierung von Wasser nicht kommen darf.

In Deutschland hat die Regierung offenbar noch nicht begriffen (oder will
es nicht begreifen oder ignoriert diese Entwicklungen), dass die
Privatisierung der Daseinsfürsorge und damit die Privatisierung des
Wassers, nicht die Lösung des Problems, sondern das Problem an sich
ist. Nach wie vor strebt die Regierung (offenbar getrieben von im
Hintergrund agierender Lobbyisten der Konzerne) hierzulande
Privatisierungen an. Jedoch werden sich die Politiker in den
bevorstehenden Wahlen fragen lassen und Farbe bekennen müssen. Die
Forderungen liegen auf dem Tisch:

Die Wasserwirtschaft muss in kommunaler Hand und somit unter
öffentlicher Kontrolle bleiben.

Der Paragraf 103 im Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen, der
den Gemeinden ein Gebietsmonopol hinsichtlich der Wasserversorgung
garantiert, muss bestehen bleiben.

Darüber hinaus muss die bereits 1996 erfolgte Ergänzung des §18 a
Abs.2 Wasserhaushaltsgesetz rückgängig gemacht werden. Erst seit
dieser Gesetzesänderung ist es den Gemeinden möglich, die
Wasserversorgung an Dritte abzutreten

Bisherige Privatisierungsmaßnahmen sind rückgängig zu machen (z.B. per
Verfassungsklagen).

7. Schlusswort

Wasser ist das existentiell notwendigste und wichtigste Versorgungsgut
des Menschen. Wasser ist keine Handelsware. Wasser ist anders! Genau
aus diesem Grund gehört die Trinkwasserversorgung zum Bereich der
öffentlichen Daseinsvorsorge. In fast allen volkswirtschaftlichen
Lehrbüchern ist dieser Sachverhalt unter „Wettbewerbspolitischen
Ausnahmebereichen" oder dem Begriff des „Öffentlichen
Monopolunternehmens" (Natürliches Monopol) nachzulesen. Öffentliche
Monopolunternehmen sollen ein flächendeckendes Angebot mit wichtigen
Versorgungsgütern der Haushalte und anderer Unternehmen liefern.
Deshalb unterliegen öffentliche Monopolunternehmen Regelungen eines
Kontrahierungszwangs und verpflichtender Lieferungskonditionen, um
eine allgemeine Sicherheit und Qualität der Leistungen zu gewährleisten,
unabhängig von unterschiedlichen regionalen Bedingungen. Ferner wird
eine potentielle Konkurrenz privatwirtschaftlicher Unternehmen
verhindert (Ausschluss von Marktzutritten).

Anschließend wird in den Lehrbüchern ökonomisch begründet, dass es –
aufgrund der besonderen Markt- und Kostenstruktur dieser natürlichen
Monopole – zu Marktfehlern, Marktversagen, Problemen der
Preisgestaltung käme, wenn sie durch private Monopole ersetzt würden;
und das ist bei der Liberalisierung der Trinkwasserversorgung in der
Regel der Fall. Insofern haben öffentliche Monopole in einer auf
marktwirtschaftlichen Prinzipien basierenden Gesellschaftsordnung nicht
nur ihre Berechtigung, sondern eine notwendige ökonomische Funktion.
Es gibt nur einen einzigen Grund, der für alle Liberalisierungs- und
Privatisierungsbestrebungen
gilt, und der heißt: Profitmacherei
zu Lasten der Menschen und der Umwelt. Also Hände weg von
unserem Wasser!



Der Zugang zu Wasser ist ein Menschenrecht

Wilfried John


Weitere Informationen unter:
http://www.boell.de/weltweit/europanordamerika/ressourcenpolitik-oekologie-6363.html

icon1 Re: Die Selbstverständlichkeit als Geschäft – Zum Weltwasserforum in Istanbul Datum: 19.03.2009, 01:21
Schmutzli (Silber Super-Member)
@ Wilfried John

Grossen Dank für die einleuchtende und sehr umfassende Darstellung eines
wirklichen Problems der Menscheit! Bisher konnte man tatsächlich sehr selten
Einblick in die Machenschaften um das Lebenselement Nr. 1 auf unserem
Erdenrund erhalten.

In welcher Grössenordnung weltweit "diese neue Goldmine" Profite
abwerfen könnte, ist erschreckend und zeigt auch ganz klar auf, dass hier
(als Gegenmassnahme) mit der grossen Kelle angerührt werden müsste!

Leider sehe ich da noch kein grosses Interesse von Seiten der
internationalen Gemeinschaft, dieser Gefahr zu begegenen - dabei wäre der
Zeitpunkt noch einigermassen günstig und der Zug noch im Bahnhof...

Nebenbei: Über Evo Morales (Bolivien) kann man denken wie man will - der
Mann hat aber bereits bewiesen, dass er kein "einfaches WTO-Futter" ist
und bereit ist, sich auch Goliath's zu stellen! Hut ab!

Freundlicher Gruss vom
Schmutzli




icon1 Re: Die Selbstverständlichkeit als Geschäft – Zum Weltwasserforum in Istanbul Datum: 19.03.2009, 09:38
Wilfried John (Silber Super-Member)
@ Schmutzli

Leider glaube ich nicht, dass "der Zug noch im Bahnhof ist" - er ist schon
auf der Strecke, wenn auch - um im Bilde zu bleiben - noch nicht in
Höchsgeschwindigkeit. Alles hängt von den GATS-Verhandlungen in
Doha/Katar ab; nicht zufällig haben die WTO-Verantwortlichen den
Verhandlungsort an den A... der Welt verlegt. Dort ist man "unter sich"...
unter dem Schutz der us-amerikanischen Kriegsmaschinerie (Persischer
Golf).

Dort werden die Lokomotiven - unbeobachtet von der Weltöffentlichkeit -
ständig weiter angeheizt. Und in der Tat, wir bräuchten mehr Evo
Morales´, statt mehr Barak Obamas´; der auch ein Vertreter des sog.
Freihandels ist (siehe auch meine Artikel: "Ein anderer Hoffnungsträger"
im Vergleich zu "Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann").

Ich befürchte, dass auch im Zuge der aktuellen Finanzkrise keine Abkehr
vom neoliberalen "Fahrplan" stattfindet - es sei denn, dass die Politiker
die den Fahrplan machen, von ihrer Verantwortung entbunden werden.
Hauptsächlich in Deutschland (eine der größten Handelsnationen) hätten
wir in diesem Jahr eine Chance. Ohne ein neoliberal auftretendes
Deutschland, wäre die GATS-Runde wohl zum Scheitern verurteilt. Das
wäre ein Weg, die Weichen anders zu stellen und den neoliberalen
Wasser-Zug (und andere Züge auch) in den Abstellschuppen der
Geschichte zu stellen.

Herzlichen Dank für die lobende Zustimmung.

Wilfried John

icon1 Re: Die Selbstverständlichkeit als Geschäft – Zum Weltwasserforum in Istanbul Datum: 22.03.2009, 12:22
Wilfried John (Silber Super-Member)
Aktualisierung:

Wasser-Zugang soll kein Grundrecht sein

Auf dem Weltwasser-Forum (WWF) in Istanbul geben Unternehmen,
die mit Staudämmen und Klärwerken ihr Geld verdienen, den Ton an.
Erneut konnte man sich nicht auf die Formel "Zugang zu Wasser ist ein
Menschenrecht" einigen; auch und obwohl Gruppen aus Lateinamerika,
Afrika und Asien, wo die Anzahl von Menschen ohne sauberes
Trinkwasser und ohne Abwassersysteme täglich wächst – trotz aller
Schwierigkeiten, die man ihnen in den Weg gelegt hatte (diesmal kostete
das Eintrittsgeld 500€ pro Teilnehmer/Tag und damit noch mehr als am 4.
WWF) – recht zahlreich vertreten waren.


Doch das WWF wurde auch in Istanbul von den Global-Playern der
Wasser- und Abwasserindustrie dominieret, für die Wasser aller Art die
Grundlage ihres Wirtschaftens ist und die Wasser deshalb mehr und
mehr zu einer Ware machen wollen; die halt nicht jeder bezahlen kann.
Mit dabei waren wieder Firmen wie Nestlé, der weltweit größte Anbieter
von Trinkwasser in Plastikflaschen, und die französische Suez, die rund
um den Globus städtische Abwassersysteme übernimmt. Auch all die
Konzerne, die mit Bau und Unterhalt von Dämmen und
Wasserkraftwerken ihr Geld verdienen, hatten ihre Vertreter entsandt.

Die Ausrichter des Forums vermittelte diesen Firmen den „Kontakt“ zu
vielen Politikern; rund 80 Länder waren auf Ministerebene vertreten, 25
hatten gar den Regierungschef geschickt. "Bridging Divides for Water"
(frei übersetzt: Für Wasser Unterschiede überbrücken), das englische
Motto der Veranstaltung, kann deshalb sehr Verschiedenes bedeuten;
ein Schelm der Böses denkt. Im Kontext zu den Veranstaltern, werden
wohl die unterschiedlichen Interessen von den versammelten Firmen und
der auf Wasser angewiesenen Menschen, für die jeder Tropfen Wasser
ein Stückchen Leben oder Überleben ist, gemeint gewesen sein.

Die Gastgeber des Forums stehen für die entgegengesetzte Haltung.
Wasser – so die türkische Argumentation – ist knapp und wird bald so
wertvoll wie Öl sein, weshalb man auch nach Belieben mit ihm handeln
kann. Schon immer hat sich das Land geweigert, Anrainerstaaten wie
Syrien und dem Irak ein Mitspracherecht an den grenzüberschreitenden
Wassern des Tigris und des Euphrat einzuräumen. Doch auch
innenpolitisch gilt Wasser als eine Ware, die dem Staat gehört. Also
werden in der Türkei Staudammprojekte gegen den Willen der Anwohner
durchgesetzt.

Kurz vor dem Weltwasserforum hat das "Wassertribunal" drei
zentrale Staudammprojekte in der Türkei öffentlich begutachtet.
Herauskam, dass die türkische Regierung nicht nur alle Umweltbedenken
ignoriert und die Erfahrungen anderer Länder mit solchen Großprojekten
in den Wind schlägt; sondern dass sie mit Sonderregelungen auch die
eigenen Umwelt- und Ausschreibungsgesetze außer Kraft setzt und im
Fall des Staudamms Hasankeyf verletzt sie sogar Mindestbedingungen
der internationalen Kreditgeber (u.a. Deutschland!). Noch in diesem Jahr
will Ankara eine Reihe von Flüssen für jeweils 49 Jahre an private
Kraftwerksbetreiber überschreiben.

Die US-Initiative Food & Water Watch präsentierte auf dem WWF eine
Untersuchung, welche Folgen es hat, wenn öffentliche Wasserwerke
privaten Betreibern übertragen werden, so wie es die Weltbank in den
letzten Jahrzehnten propagierte. Anhand von Fallstudien aus Ecuador,
Bolivien, Indonesien und Tansania kommt die Gruppe zu einem
eindeutigen Ergebnis: In Afrika seien 80 Prozent der großen privaten
Wasserversorgungsprojekte entweder ganz gestoppt oder
vorübergehend ausgesetzt worden, weil sich die Vertragspartner
zerstritten hätten. In Lateinamerika seien nahezu alle großen
Privatisierungsprojekte endgültig gescheitert. "Die Wasserholdings
sind längst in der Defensive"
, konstatiert auch Philipp Terhorst vom
European Water Network. Offenbar erzeugte das einen Strategiewandel.
Nicht mehr die direkte Übernahmen von Wasserversorgern stehen im
Vordergrund, sondern nun vor allem privat betriebene
Staudammprojekte, über deren Nutzungsverträge sich ebenfalls
glänzende Geschäfte machen lassen.

Wie im Hauptartikel schon gesagt, das WWF ist keine völkerrechtlich
relevante Veranstaltung, sondern ein Forum der Wasserindustrie.
Dennoch hat das Forum einen beachtenswerten Status erreicht, der
demokratisch gewandelt, durchaus das Zeug dazu hätte als Teil der UN
zu wirken. So aber ist die Haltung des Forums mit der Haltung z.B. von
Miguel d'Escoto Brockmann, Präsident der UN-Vollversammlung, nicht
vereinbar. Der nicaraguanische Diplomat sagte in seiner Grußadresse an
das Forum: "Wasser ist ein öffentliches Gut, ein gemeinsames Erbe
von Menschen und Natur und ein menschliches Grundrecht“
und
weiter, "Wer das Wasser privatisieren will und es wie das Erdöl zur
Ware macht, der verneint dieses Menschenrecht, das so fundamental ist
wie das Recht zum Atmen."


Nach der Ansicht der meisten NGO´s hat das Weltwasserforum viel von
seiner, eh nur scheinbaren, Legitimität verloren. Das Wasserprogramm
der UNESCO (IHP = International Hydrological Programme) wollte auf
dem WWF in Istanbul eine Präsentation über die Auswirkungen von
Staudämmen auf kulturelle Güter machen. Wie jetzt bekannt wurde,
wurde diese Präsentation, auf Druck der Türkei (die stramm im Lager der
Großkonzerne steht, verhindert und aus dem Programm genommen. Der
Obmann im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung für die Bundestags-Fraktion DIE LINKE erklärte:

"Das Forum in der Türkei verlief sehr enttäuschend. Das Forum
propagiert immer noch technische Großprojekte als Lösung der
Trinkwasserkrise. Jegliche Kritik – beispielsweise am Ilisu-Staudamm –
wurde im Keim erstickt. Die beschworenen Ideale von "Frieden und
Toleranz" wurden ad absurdum geführt. Die Repräsentanten aus aller
Welt haben wieder eine Chance vertan, ihren Willen zu einem
demokratischen und friedlichen Wassermanagement vor allem von
grenzüberschreitenden Gewässern zu beweisen. Im Gegenteil. Kein
Wunder also, dass die türkische Polizei gleich am Tag der Eröffnung eine
Demonstration zusammenprügelte, auf deren Transparenten
stand: "Wasser ist Menschenrecht und keine Ware."

Schon während der Eröffnungszeremonie am Montag hielten zwei
Naturschutzvertreterinnen ein Banner mit "No Destructive Dams!" in die
Höhe. Daraufhin wurden sie umgehend abgeführt. Bei den beiden Frauen
handelt es sich um Mitarbeiterinnen der NGO "International Rivers" mit
Sitz in Berkely, USA. Ihnen drohte die Abschiebung; Rechtsanwälte
versuchen offenbar erfolgreich, die beiden frei zu bekommen. Weitere 17
türkische Personen wurden fast gleichzeitig festgenommen, weil sie vor
den Gebäuden des Weltwasserforums protestierten; was mit ihnen
geschehen ist, ist nicht bekannt. Das rücksichtslose Vorgehen der Türkei
entlarvt das Motto der Veranstaltung schon am ersten Tag als Farce. Es
zeigt einmal mehr, dass dieses Forum vor allem eine
Marketingveranstaltung der Kraftwerks- und Wasserprivatisierungslobby
ist.

Der Zugang zu Wasser ist ein Menschenrecht und Teil des
Menschenrechtpakts für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte,
den auch die Bundesregierung unterzeichnet hat. Sie muss sich auch in
der Türkei für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzen und sich von
diesem undemokratischen und nicht legitimierten Forum zu distanzieren;
was aber offenbar doch nicht geschehen ist. Dazu passt, dass sich die
Konferenz darum herummogelt, den Zugang zu Wasser – wie es 2008
der Menschenrechtsrat der UN nahe legte – als ein Grundrecht zu
bezeichnen. Am Freitag hieß es hinter den Kulissen, die US-Regierung
(schönen Gruß vom Weltmessias Obama) habe einen entsprechenden
Passus in der Abschlusserklärung verhindert. In der Abschlusserklärung
wird lediglich die Binsenweisheit stehen: Wasser ist ein Grundbedürfnis.

Wilfried John

Für jene, die sich über die Zusammenhänge fundiert weiter informieren
möchte, folgender Buchtipp: "Das Blaue Gold" von Maude Barlow. Sie ist
eine Umweltaktivistin aus Kanada und derzeit Chefberaterin von Miguel
d'Escoto Brockmann, dem Präsidenten der UN-Vollversammlung.


Das Blaue Gold
Maude Barlow
334 Seiten - Taschenbuch
Verlag: Kunstmann - Aktualisierte Ausgabe aus 1. September 2004
ISBN: 3-8889-7375-9

icon1 Re: Die Selbstverständlichkeit als Geschäft – Zum Weltwasserforum in Istanbul Datum: 10.04.2009, 11:17
Wilfried John (Silber Super-Member)
Aktualisierung:

Wie viele noch genießbare Lebensmittel in Deutschland täglich
weggeworfen werden, weiß niemand so genau, aber Wolfgang
Twardawa von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg
hat hochgerechnet, dass auf diese Weise Milliardenwerte im Hausmüll
landen: Pro Haushalt etwa 387 Euro im Jahr. Das entspräche 10
Milliarden Euro bundesweit.
"Das ist ein Skandal, nicht mehr nur ein
moralisches, ökologisches und ökonomisches Problem", meint der
Marktforscher. "Da wäre der Gesetzgeber gefragt."

Überschrittene Mindesthaltbarkeit heißt nicht Verderb. "Einige Tage über
dem MHD sind kein Problem", versichert auch Andrea Danitschek,
Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Bayern. Solange die
Verpackung ungeöffnet und ordnungsgemäß gelagert war. Viele
Verbraucher halten die Standardformel "mindestens haltbar bis..." aber
offenbar für ein Signal, das abgelaufene Produkt auf der Stelle zu
entsorgen. "Ein Missverständnis füllt Mülltonnen", sind die
Ernährungsfachleute bei Stiftung Warentest überzeugt. In anderen
Ländern lese man Hinweise wie "am besten bis...". Damit sei klar: Die
Butter ist länger essbar, aber halt nicht mehr am besten.

Qualitätseinbußen oder weg damit? Ein Hersteller gibt mit der
Mindesthaltbarkeit lediglich vor, dass das Produkt nach Labortests bis zu
diesem Datum in Ordnung sein sollte, erklärt BLL-Sprecherin Moritz.
Welches Datum auf die Verpackung gedruckt wird, entscheidet der
Produzent für sich allein. Offenbar werden zugunsten der
Profitmaximierung Energie- und Wasserverschwendung im
Herstellprozess und Lebensmittelverschwendung provoziert.

Sauer

Wilfried John

icon1 Re: Die Selbstverständlichkeit als Geschäft – Zum Weltwasserforum in Istanbul Datum: 11.04.2009, 18:07
kapverd (Gold Super-Member)
Aus diesen Beiträgen ist die schwierige allgemeine Situation zu erlesen,
sauberes Trinkwasser bereit stellen zu können.

Es ist jedoch auch zu entnehmen, das die wachsende Bevölkerungszahl
ein immenses Problem mit sich führt. Die Bevölkerungsschichten an sich,
angefangen bei den Briten, schaffen es nicht mehr sauberes
Trinkwasser "zu beschaffen".

Das weltweite System der Bevölkerung versagt am Problem "Trinkwasser".
Die "Konsequenz", so peinlich und unangenehm sie wäre und ist, sie
flüchtet in die privatisierte Trinkwasseraufbereitung. Nicht die Tatsache
des Geschäftsfeldes ist fast kriminell, es ist doch letztlich nur ein
Warnsignal allgemeiner Art.

Der Mensch beginnt an die Grenzen seiner Existenz zu gelangen.
Trinkwasser und das hiermit zusammenhängende physioglogische,
soziale und psychologische Management überfordert anscheinend
bereits jetzt alle Weltgesellschaften.

Rein pieseln kann jeder. Eigentlich ein allgemeines Problem von 6,5
Milliarden Versagern.

J.M.




icon1 Re: Die Selbstverständlichkeit als Geschäft – Zum Weltwasserforum in Istanbul Datum: 13.04.2009, 07:04
(Gold Super-Member)
Es wurde nicht nur heiße Luft produziert
sonder auch Unmengen CO2. Bei den Tagungen und Konferenzen geht
es doch gar nicht im Hilfen oder schnelle Entschlüsse. Wer zu schnell hilft
steht nicht im Rampenlicht. Viel reden und nichts tun, das sorgt für
Popularität.








icon1 Re: Die Selbstverständlichkeit als Geschäft – Zum Weltwasserforum in Istanbul Datum: 03.08.2009, 19:07
Wilfried John (Silber Super-Member)
Aktualisierung:

Auch Deutschland trägt zur Wasserkrise bei

Erschienen am 03. August 2009 bei t-online

Deutschland trägt durch seine weltweiten Importe massiv zum globalen
Wassernotstand bei. Es werden zahlreiche Produkte konsumiert, für
deren Herstellung jährlich insgesamt rund 80 Milliarden Kubikmeter
Wasser nötig seien. Das geht aus einer Studie des World Wide Fund For
Nature (WWF) hervor. Ein Teil des Wassers wird insbesondere in Trocken-
und Dürregebieten in Spanien, der Türkei, Teilen Brasiliens und in
afrikanischen Ländern verbraucht - mit teilweise katastrophalen Folgen
für die Bevölkerung in den Erzeugerländern.

Wasser für die Produktion von Konsumgütern

An der Spitze mit einem Verbrauch von fast sechs Milliarden Kubikmetern
Wasser für Produkte, die nach Deutschland geliefert werden, steht
Brasilien. Das Land produziert vor allem landwirtschaftliche Güter wie
Kaffeebohnen und Fleisch für Deutschland. Beim Handel mit Artikel aus
der Türkei und Spanien - etwa für Baumwolle oder Schinken - werden
knapp zwei Milliarden Kubikmeter Wasser verbraucht.

Über 5000 Liter Wasser pro Kopf

Exakt 5.288 Liter Wasser werden - statistisch gesehen - pro Person und
Tag verbraucht, das entspricht etwa 25 Badewannenfüllungen. Mit einer
Menge von insgesamt 159,5 Kubikkilometern wurde somit in Deutschland
etwa dreimal so viel kostbares Nass verbraucht wie der Bodensee
Wasser fasst. Der direkte tägliche Wasserverbrauch jedes einzelnen fällt
dagegen mit 124 Litern deutlich geringer aus. Er sei in den vergangenen
beiden Jahrzehnten sogar um 20 Liter gesunken, berichtet die WWF-
Studie.

WWF: Subventionen nur bei maßvoller Wassernutzung

Von der Bundesregierung verlangt der WWF, dass sie die
Entwicklungszusammenarbeit nutzt, um Anreize für eine maßvolle und
legale Bewässerung zu setzen. Es gehe nicht darum, die Produktion
einzustellen, sondern sie effektiver zu gestalten. In Indien sei es
beispielsweise geglückt, durch bessere Anbautechniken bei der
Baumwollproduktion 30 bis 40 Prozent des Wasserverbrauchs
einzusparen. Außerdem sollten innerhalb Europas Agrar-Subventionen
nur ausgezahlt werden, wenn ein verantwortungsvoller Umgang mit
Wasserressourcen nachweisbar sei.

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