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Thema: Eine Andere Welt ist möglich - Zum Weltsozialforum 2009 in Belém/Brasilien

icon1 Eine Andere Welt ist möglich - Zum Weltsozialforum 2009 in Belém/Brasilien Datum: 28.01.2009, 15:29
Wilfried John (Silber Super-Member)
Der Sozialismus hat derzeit keine Konjunktur. Aber ob er seine
Funktion als Pendant zum Kapitalismus definitiv beendet hat, bleibt
abzuwarten.
Richard von Weizsäcker


Es gibt große Orte und große Ereignisse, die treten kaum in Erscheinung.
Im Wust der täglichen Meldungen in Nachrichtensendungen (oder was
sich so bezeichnet), in Magazinen und Zeitungen (oder was sich so
bezeichnet), treten diese Orte und Ereignisse hinter den wichtigen
Meldungen (z.B. der Verletzung eines Fußballspielers der zweiten Liga
oder den Scheidungsgerüchten eines drittklassigen Schauspielerpaares)
zurück.


Es gibt sehr viel kleinere Ereignisse, die in sehr viel kleineren Orten
stattfinden, die aber dennoch in oben genannten Medien breiten Raum
finden und sogar noch vor die oben genannten wichtigen Meldungen
gestellt werden; z.B. das Weltwirtschaftsforum in Davos ist ein solches
Ereignis. Das Ereignis über das es in diesem Artikel gehen soll ist,
entspricht jedoch dem genauen Gegenteil dieses Klüngeltreffens der
Weltwirtschaft im oberfeinen Schweizer Kurort: Es geht um das
Weltsozialforum 2009 in Belém/Brasilien.

Während sich in Davos, alle Jahre wieder, die Reichen und Mächtigen
abgeschirmt von der Bevölkerung treffen und ihre Geschäfts- und
Profitmaximierungsstrategien ausklüngeln, sollte das Weltsozialforum
einen offenen Raum für soziale Bewegungen bieten, um sich zu treffen,
zu diskutieren und Strategien für eine andere, eine bessere Welt zu
entwerfen. Das Weltsozialforum ist ein Raum für soziale Bewegungen
und hat sich – seit der ersten Veranstaltung im brasilianischen Porto
Alegre 2001 – selbst zu einer sozialen Bewegung entwickelt, da das
Weltsozialforum zur Gründung zahlreicher lokaler, regionaler und
nationaler Sozialforen geführt hat; nicht zuletzt auch zum Europäischen
Sozialforum und zum Deutschen Sozialforum.

Während beim jährliche Treffen in Davos penibel auf die Gästeliste
geschaut wird, auf der selbstverständlich nur in etwa Gleichgesinnte
stehen, und man geheimniskrämerisch darauf achtet, dass ja nichts was
besprochen wurde zu den Menschen durchdringt, zeichnet sich das
Weltsozialforum durch Pluralität und Offenheit aus. Das Forum ist
unabhängig von Regierungen, Parteien und Religionen und zu den
wichtigen Themen der verschiedensten Diskussionsforen gehören
Demokratie, Frieden, Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit, Zugang zu
Gesundheit, Bildung und Wasser, Arbeitnehmerrechte und der Schutz
von Minderheiten. Der Meinungsaustausch eines großen Spektrums
verschiedener Gruppen, Delegierten und Einzelpersonen aus allen
Kontinenten, öffnet zum einen die Chance auf verschiedene Blickwinkel
und einen breiten Interessenaustausch.

Während es in der Schweiz um den Erhalt und den Ausbau der Pfründe
einer sehr kleinen Minderheit geht, die sich international in mächtigen
Verbänden und Organisationen vernetzt und in politischen Parteien
eingekauft sowie mit der Macht ihrer (Massen-)Medien den Menschen die
Ideologie des Neoliberalismus indoktriniert hat, will das Weltsozialforum
Alternativen zum in den Medien (immer noch) vorherrschenden
Denkmodell des globalen Neoliberalismus aufzuzeigen und deren
Ausarbeitung fördern.

Während es bei der Versammlung der Technokraten und Machthaber in
Davos darum geht, die sog. Globalisierung weiter voranzutreiben und
noch besser auszubeuten, Instrumente (eigentlich Waffen) wie die WTO
zu schärfen und ihren Einfluss auf die Politik direkt auszuüben (zahlreiche
Machthaber die auch regelmäßig bei den sog. G8-Gipfeln gesehen
werden, sind auch regelmäßig in Davos zu besichtigen), will das
Weltsozialforum zum Ausdruck bringen, dass es auch eine andere
Globalisierung gibt: Die Vernetzung der Menschen, die für ihre Rechte
kämpfen; der Menschen, die gegen unmenschliche Formen der
Ausbeutung kämpfen; der Menschen, welche ihre gestohlenen
Ressourcen einfordern.

Während sich die sog. Eliten (Elite = Auswahl der Besten?) in Davos
darüber unterhalten, mit Maßnahmen wie Erpressung schwächerer
Handelpartner (offiziell Freier Handel und Offene Märkte genannt), sich
ein noch größeres Stück vom Kuchen abzuschneiden oder die alte Leier
des überbürokratisierten und überregulierten Staatswesens abspulen,
das man eigentlich nicht brauche, weil man es eh besser kann als der
Staat und der Markt sowieso alles besser regeln kann (als wenn die
aktuelle Krise nicht das glatte Gegenteil bewiese), will das
Weltsozialforum zeigen, dass diese Deregulierungsorgien aber nicht zum
Wohle der Menschen führen, sondern nur zum Wohl derer dienen, die
dieser Wohltat längst nicht mehr bedürfen. Wir wollen zeigen, dass es
auf verantwortungsbewusstes Denken und Handeln für das Wohl der
ganzen Welt ankommt und nicht auf die Profitgier Einzelner, wenn wir
vermeiden wollen, dass alle 5 Sekunden ein Kind in der Welt Hungers
(oder an den Folgen des Hungers) stirbt.

Während die Diebe, ihre Hehler und die Schmieresteher von Davos keine
Probleme damit haben ein gemeinsames Interesse zu formulieren, hatte
das Weltsozialforum dieses Problem von Beginn an. Dennoch ist es 2001
in Porto Alegre gelungen, die sog. „Charta der Prinzipien“ zu beschließen,
die seither Leitfaden der Bewegung ist: „Das Weltsozialforum ist ein
offener Treffpunkt für reflektierendes Denken, für die demokratische
Debatte von Ideen, für die Formulierung von Anträgen, für freien
Austausch von Erfahrungen und zum Vernetzen effektiver Aktionen von
Gruppen und Bewegungen der Zivilgesellschaft, die sich dem
Neoliberalismus und der Weltherrschaft durch das Kapital oder
irgendeine andere Form des Imperialismus widersetzen und sich für den
Aufbau einer planetarischen Gesellschaft engagieren, in der der Mensch
im Mittelpunkt steht.“

Am 27. Januar 2009 begann also das diesjährige Weltsozialforum.
Diesmal jedoch in nicht Porto Alegre, sondern in der in Deutschland kaum
bekannten brasilianischen Großstadt Belém im Amazonas-Delta. Zum
Forum wurden 80.000 Besucher aus 150 Ländern erwartet (über
100.000 kamen), darunter Delegierte von rund 4.000 sozialen
Bewegungen, indigenen Völkern, Gewerkschaften, Kirchen und
nichtstaatlichen Organisationen, aber auch gewählte Staatsoberhäupter;
z.B. Evo Morales. Inhaltliche Schwerpunkte sind Ökologie und
Klimagerechtigkeit, Arbeitswelt und Menschenrechte, indigene Völker
sowie die vielerorts geübte Praxis, sozialen Protesten mit Strafverfahren
begegnen zu wollen. Im Vordergrund werden allerdings Antworten der
Zivilgesellschaft auf die globale Finanz- und Wirtschaftskrise stehen.

Belém wurde in diesem Jahr Gastgeberin nicht nur weil es ein Ort
jenseits der bekannten brasilianischen Klischees ist, sondern auch weil
an diesem Ort als größter Ballungsraum der brasilianischen
Amazonasregion viele gesellschaftliche Entwicklungen, die beispielhaft
für Brasilien, jedoch auch für viele andere Länder des Südens sind,
stattfinden. Soziale Bewegungen aus aller Welt werden sich ein Bild von
den Problemen in der Amazonasregion machen können; die synonym für
sehr viele gleich gelagerte Situationen in der Welt stehen. Gleichzeitig
können alle Beteiligten in über 2500 Diskussionsforen ihre eigenen
Anliegen vortragen sowie politische Forderungen und Strategien für eine
globale Vernetzung diskutieren und weiterentwickeln.

Viele der Teilnehmer, insbesondere jenen aus den sogenannten
Entwicklungsländern oder aber auch teilnehmende Gewerkschaften (ich
bin glücklich, dass auch meine Gewerkschaft selbstverständlich
teilnimmt), interessieren sich zwar auch für ideologische Debatten, aber
wollen auch konkrete Verabredungen treffen und eine pragmatische
Politik vorantreiben. Es gibt zwar einen ungelösten Meinungsunterschied
über den einzuschlagenden Weg (Reform oder Revolution), was jedoch
niemanden daran hindert eigene Vorstellungen zu verwirklichen; z.B.
unterstützen manche eine Öffnung des Weltmarkts, kritisieren aber
gleichzeitig einseitige Wettbewerbsverzerrungen z.B. durch
Subventionen in die Landwirtschaft der Industrieländern, welche vielen
Bauern in der sog. Dritten Welt die Existenz kosten und in die
Schuldknechtschaft treibt.

Wir sollten uns nichts vormachen: Auch wenn die derzeitige Finanz- und
Wirtschaftskrise zwei Milliarden Menschen noch weiter ins Elend stürzte,
dominiert immer noch eben jene wirtschaftspolitische Richtung, die für
die Krise verantwortlich ist, die Meinung und die Politik in vielen Ländern.
Was vor über 25 Jahren, die Politik regelrecht subversiv unterwandernd,
eingeführt wurde und seither vor allem in den Industriestaaten (aber
natürlich auch bei deren Vasallen) am Werke ist, verschwindet nicht
einfach so. Man muss diese Politik verjagen… wie z.B. aktuell in Island…
denn sonst klebt sie regelrecht an den Politikern, welche diese
neoliberale und oft imperialistische Politik fortführen.

Die Wirkungen solcher Politik hat sich in den letzten Jahren deutlicher
denn je gezeigt: Mehr und mehr Privatisierung wichtiger Unternehmen
der Öffentlichen Hand, systematische Angriffe auf Löhne und die
kollektiven Sicherungssysteme der Daseinsvorsorge… aber auch
Wirtschaftskrieg gegen die Armen (Marktöffnung genannt), Aufrüstung
der Großmächte und imperialistische Kriege, besonders zur Eroberung
von Ölfeldern und ganzen Volkswirtschaften. Man kann erkennen, dass
solche Politiken in den industrialisierten wie in den sich entwickelnden
Ländern gleichermaßen angewendet werden, wenn auch mit
unterschiedlichen Auswirkungen.

Das Weltsozialforum hat aber auch schon Wirkungen gezeigt. Die
Diskussionen und die Verbreitung solcher Informationen in weltweiten
Netzwerken hat zu Gegenbewegungen geführt; wenn auch noch sehr
schwach auf globaler Ebene. Die aktuelle Krise „leistet zudem noch Hilfe“
und so findet langsam ein Umdenken statt; zumal klar zutage trat, dass
die gepredigten Rezepte gescheitert sind und sich sogar die
Hauptakteure der Großfinanz unter die Rettungsschirme des Staates
stellen. Das Wort Deregulierung wird auch nur noch von
unverbesserlichen Schwachköpfen (meist sog. Liberale - Liberal = Frei;
aber frei von was?) gebetsmühlenartig vorgetragen – und es ist zu
erwarten, dass die mächtigen G8-Akteure zurückkehren zur
Regulierung dessen, was sie vor Jahren dereguliert haben.

Dennoch heißt es immer noch Vorsicht walten zu lassen; der Schoss ist
fruchtbar noch, aus dem dies kroch. So haben z.B. die Großbanken in
Deutschland zu Beginn der Krise den Finanzminister aufgesucht und ihre
Vorstellungen für ein Rettungspaket deutlich gemacht. Diese Vorschläge
hat dann ein Beratungsunternehmen, das auch schon für die Banken
tätig war, ausformuliert; dieser Text wurde dann 1:1 von der Politik
übernommen. Kein Wunder also, dass die Verursacher der Krise plötzlich
auch die Hauptprofiteure der Rettungsmaßnahmen sind und mit
staatlicher Rückendeckung nun solchen Instituten wie etwas Sparkassen
und Genossenschaftsbanken, die unschuldig an der Krise sind, unlautere
Konkurrenz machen.

Es kommt also auf uns an. Wir sollten endlich aufhören denen nach dem
Munde zu reden, die nicht die Interessen der Allgemeinheit vertreten,
sondern sich zum Handlanger der Interessen Einzelner machten. Wir
sollten denen sehr genau auf die Finger schauen, die bereit sind
unvorstellbare Summen unseres Geldes in die Hand zu nehmen, damit
aus einer vordergründigen Rettungs-Aktion nicht doch nur ein weiterer
Raubzug wird. Nehmen wir uns ein Beispiel an den Isländern… sie hatten
es schwer zu Neuwahlen zu kommen. Wir haben es einfacher; in
Deutschland sind die Wahlen in vielen Bundesländern und auf
Bundesebene schon terminiert; nutzen wir sie.

Wir sollten alle unterstützen, die einzusehen bereit sind, denjenigen das
Handwerk zu legen, die aus Gier ganze Gemeinwesen dazu bringen, sich
auf Generationen zu verschulden oder diese Gemeinwesen sogar in
Gefahr bringen. Wir sollten alle die unterstützen, die schlüssige Regeln
aufstellen und sich um die Überwachung der Regeln kümmern wollen. Wir
sollten all jene unterstützen, die für eine andere Welt kämpfen – weil
eine andere Welt möglich ist!


Wilfried John

In wenigen Zeitungen wird ausführlich berichtet und wenn, dann meist
gegen Bares. Auf der Homepage meiner Organisation
http://www.attac.de/aktuell/wsf/wsf-2009/
wird aktuell und ausführlich Bericht erstattet.

Übrigens: Lippenbekenntnisse sind billig, etwas zu tun kostet Geld.
Spenden zur Unterstützung der Fahrtkosten von Menschen ohne
Einkommen, freiwillige Dolmetscherinnen und Dolmetscher sowie
osteuropäischer Freundinnen und Freunde werden erbeten auf das
Konto:
Kontoinhaber: share e.V., Konto-Nr. : 800 100 800 BLZ: 430 609 67,
Bank: GLS Gemeinschaftsbank, Stichwort: Spende ESF

Danke.

icon1 Re: Eine Andere Welt ist möglich - Zum Weltsozialforum 2009 in Belém/Brasilien Datum: 28.01.2009, 18:58
kapverd (Gold Super-Member)
Das Leben ist das was gerade passiert während die Pläne für ein anderes gemacht werden.

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