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Thema: Fünf Brote und zwei Fische… – Über Einbildungen der Hochseefischerei

icon1 Fünf Brote und zwei Fische… – Über Einbildungen der Hochseefischerei Datum: 25.11.2009, 09:37
Wilfried John (Silber Super-Member)
Was für ein Ende soll die Ausbeutung der Erde in all den künftigen Jahrhunderten noch finden? Bis wohin soll unsere Habgier noch vordringen?
Gaius Plinius Secundus Maior; Römischer Gelehrter, ca. 23 bis 79 n.Chr.

Noch vor 50 Jahren bildete man sich ein, der Reichtum der Meere sei unerschöpflich und nur Wenige machten sich über Ökologie oder Artenschutz Gedanken; jenen die es taten, rief man Spinner nach (und das ist noch der freundlichste Ausdruck). Die Fangflotten wurden schneller größer und mächtiger als die Einsicht… und es ist ihnen bis heute gelungen, die Bestände der wichtigsten Speisefische bis auf einen Bruchteil der früheren Fülle zu plündern. Es stellt sich in manchen See-Regionen, für manche Art bereits die Frage: Gibt es noch einen Weg zurück?

Viele Meeresumweltschützer sind der Meinung, dass die Überfischung der Meere heutzutage die größte Bedrohung für die Meeresumwelt darstellt. Allenthalben ist zu lesen: „Der Menschheit Verlangen nach Fisch, übersteigt die Belastungsgrenzen des maritimen Ökosystems bei weitem – mit katastrophalen Folgen für die Ozeane. Wissenschaftler warnen davor, dass die Überfischung die Meeres-Ökosysteme tiefgreifend verändern wird; ein Wandel, der sich möglicherweise als irreparabel erweisen wird.“ Das stimmt so nicht! Ich möchte mit diesem Artikel zeigen, worin der wirkliche Grund für den Raubbau liegt.

Das Märchen vom unendlichen Reichtum der Meere
Hätte man zu Beginn des 20. Jahrhunderts behauptet, der Fisch in den Meeren könne einmal zu Ende gehen, man wäre für verrückt gehalten worden. Dann begann die industrielle Fischerei, die allerdings bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts von zwei Weltkriegen unterbrochen wurde, die auch auf See ausgefochten wurden. Selbst lange nach dieser Zwangspause der beginnenden industriellen Fischerei, erschienen die Fischbestände noch unendlich. Viele glaubten sogar, dass das Meer die Ernährung der stetig wachsenden Weltbevölkerung auf Dauer sichern könnte; man müsse den Fisch ja nur heraus fangen. Selbst angesehene Wissenschaftler stellten Thesen auf, nach denen z.B. der Krill den Eiweißbedarf der Menschheit werde decken können.

Doch in den vergangenen Jahrzehnten eroberte der technische Fortschritt nicht nur die Kontinente, sondern auch die Meere (siehe auch den Artikel „Das Trojanische Pferd wiehert – Über die ungebremste Ausbeutung von Bodenschätzen in der Tiefsee“). Immer größere Fangschiffe mit immer größeren Motoren konnten immer größere Netze ausbringen. Und das mit tödlicher Präzision. Wo früher scharfkantige Riffe und Wracks großzügig umfahren werden mussten, um die teuren Netze nicht zu gefährden, sorgen heute hochgenaue 3D-Sonargeräte und digitale Karten in Verbindung mit der Satellitennavigation für metergenaues Befischen selbst schwierigster Fischgründe. Auf dem freien Meer können große Fischschwärme geortet, umfahren und bis auf das letzte Exemplar erbeutet werden. Allein seit 1950 hat sich, dank dieser Fortschritte, die Menge des gefangenen Fisches vervierfacht. Im Jahr 2006 lag die weltweite Fangmenge etwa bei 80 Millionen Tonnen pro Jahr.

Gefährliche Gier nach Fisch
Der Bestand der großen Speise- und Raubfische wie Thunfisch, Schwertfisch und Haie ist um 90 Prozent zurückgegangen. Gerade die für die Fortpflanzung so wichtigen Altfische, die durch ihre Größe viele Nachkommen zeugen könnten, fehlen. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gelten mehr als die Hälfte aller Fischbestände als bis an die biologische Grenze befischt. Ein weiteres Viertel gilt als überfischt beziehungsweise völlig erschöpft. Aus dem neuen Fischereireport der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) geht hervor, dass der Zustand noch schlimmer ist und rund 80 Prozent der Fischbestände in den Weltmeeren überfischt oder bis an die Grenzen ausgebeutet sind; Tendenz immer noch steigend.

Jahrzehntelang wichen die Fischer auf immer neue, weiter entfernte Fischbestände aus, um ihre Netze zu füllen. Doch auch dies wird zukünftig nicht mehr möglich sein. Nur noch drei Prozent der weltweiten Fischbestände gelten als wenig befischt. Danach ist mit dem Raubbau endgültig Schluss! Bildung kommt von Bild… stellen wir uns das einmal anschaulich vor: Würden wir unsere heimischen Wälder auf diese Weise ausnutzen, lebten wir längst in einer baumarmen Steppe.

Dubiose Praktiken
Trotz immer ausgefeilterer Technik wird in vielen Punkten heute noch so gefischt wie zu Urgroßvaters Zeiten: Das Wissen über die ökologischen Zusammenhänge im Meer ist erschreckend gering. Bei vielen Methoden wird kaum Rücksicht auf die Natur genommen. So sieht der Fischer erst dann, was er im Netz hat, wenn der Fang sterbend an Bord liegt. Fischt er mit feinen Netzen auf kleine Fische, sterben als so genannter Beifang allzu oft auch Jungfische größer werdender Arten, ohne dass diese sinnvoll genutzt werden können.

Werden Netze über den Grund geschleppt, geraten dort auch Krabben, Seesterne und andere Meerestiere hinein. Und was nicht ins Netz gerät, weil es wie etwa Muscheln festsitzt, wird von den Rollen der Netze oder den Metallketten, die zum Aufscheuchen am Boden lebender Arten dienen, zerschlagen. In der Nordsee werden weite Bereiche bis zu dreimal jährlich förmlich umgepflügt. Dadurch werden Seegraswiesen und in tieferen Bereichen wertvolle Kaltwasserkorallen zerstört – und damit auch die Kinderstuben der Jungfische.

Gezählt und registriert wird nur der letztlich an Land verkaufte Fisch. Was ungenutzt über Bord geht, weiß man nicht genau. Schätzungen von Wissenschaftlern gehen von durchschnittlich einem Drittel des Fanges aus; beim Fischen auf Schollen und Krabben gar von 80 Prozent, also vier Fünftel der am Ende genutzten Fänge.

Die Politik (z.B. in der EU) geben meist nur Lippenbekenntnisse ab. Man müsse in See-Regionen Verträglichkeitsprüfungen durch- und/oder Regulierungen einführen. Meist hat die Fischerei-Industrie die Fischgründe bereits erschlossen, noch bevor eine Verträglichkeitsprüfung ihrer Aktivitäten durchgeführt worden ist. Außerdem sind die Regulierungen innerhalb der Fischerei-Industrie äußerst ungenügend.

In Wirklichkeit wird die heutige Fischerei von Fangschiffen dominiert, die das natürliche Regenerationsvermögen der Fischbestände bei weitem übertreffen. Schiffe, wie oben schon erwähnt, mit modernster Sonar-Technik ausgestattet, können Fischbestände und Fanggelände schnell und präzise orten. Aber diese Schiffe gleichen auch gleichzeitig schwimmenden Fabriken, die über Verarbeitung- und Verpackungsanlagen sowie große Kühlsysteme verfügen.

Zustand der Bestände
Beutejäger, die ganz oben in der Nahrungskette stehen, sind ein Schlüsselindikator für die Gesundheit des Ökosystems. Ihre Populationen schwinden in beängstigendem Tempo. Von den großen Fischen, die viele von uns so gern essen, wie etwa Tunfisch, Schwertfisch, Marlin, Kabeljau, Heilbutt, Rochen und Flunder sind seit Beginn der industriellen Fischerei in den 1950er Jahren 90 Prozent der Bestände leer gefischt worden. Der Schwund an solchen "Top-Spezies" kann einen Wandel der gesamten Meeresumwelt verursachen, wenn kleine, Plankton fressende Fischarten an die Stelle von kommerziell wertvollem Fisch treten. Es ist nicht auszuschließen, dass noch in diesem Jahrhundert Rekordernten von Quallen die von Menschen normalerweise verzehrten Fischarten ersetzen werden.

Solche Veränderungen gefährden die Meere in ihrer Struktur und Funktion. Aber das Meer schlägt zurück… leider trifft es gerade die NICHT oder nicht besonders hart, diejenigen die sich an ihm vergriffen haben. Die oben angesprochenen Veränderungen bedrohen auch diejenigen, deren Lebensgrundlage immer schon das Meer gewesen ist: die Küstenfischerei Afrikas, Asiens und Lateinamerikas. Das Meer bedroht die Menschen dort mit dem Hungertod. Oder sind es vielleicht doch Menschen, welche anderen Menschen das antun?

Aber auch in den industrialisierten Ländern droht der Kollaps in der Fischerei Opfer zu kosten; wenn die auch nicht den Hungertod fürchten müssen. Als 1992 die Kabeljaufischerei vor Neufundland/Kanada zusammenbrach, gingen damit auch 40.000 Arbeitsstellen in der Industrie verloren. Der Kabeljaufischerei in der Nord- und Ostsee sieht nun dem gleichen Schicksal entgegen und stehen kurz vor dem Kollaps. Aber statt nach einer langfristigen Lösung zu suchen, blickt die Fischerei-Industrie nun auf den Pazifik – doch das ist kein Ausweg. Politiker ignorieren noch immer den Rat von Wissenschaftlern, was das richtige Management der Bestände und die Notwendigkeit einer nachhaltigen Fischerei bei gefährdeten Arten angeht.

Letzte Chance für die Meere – Reform der EU-Fischerei
Die europäische Fischerei ist eine der verheerendsten der Welt. Das wissen auch die politisch Verantwortlichen in Brüssel. Bis 2013 wollen sie die Fischereipolitik der EU grundlegend reformieren – das wäre eine riesige und wohl auch die letzte Chance für das Ökosystem Ozean.
Hemmungslose Überfischung, zerstörerische Methoden und steigender Konsum bedrohen nicht nur das Leben im Meer. Besonders an den Küsten Afrikas ist auch die Ernährung vieler Menschen gefährdet. Fisch ist ihre Hauptproteinquelle. Die großen Industriefangschiffe der EU überfischen die afrikanischen Gewässer und zerstören die Lebensgrundlage der Menschen. Die EU-Kommission stellte jetzt Vorschläge (das sog. Grünbuch) offiziell vor, in denen die EU-Politik der nächsten Jahre beschrieben wird.

In ihrem Grünbuch schlägt die EU-Kommission mehrere Maßnahmen vor, um die schlimmsten Missstände zu beseitigen: Kleinere Fischereiflotten, gesunde Meeresökosysteme, klare, verbindliche Regeln und Ziele, mehr Verantwortung für nationale und regionale Behörden. Auch die Fischer sollen stärker in die Pflicht genommen werden: Wer sich an die Regeln hält und schädliche Folgen der eigenen Fischerei vermeidet, soll belohnt werden. Natürlich müssen EU-Missmanagement und zu große Fangflotten beseitigt werden… aber es gibt weitere Gründe dafür, dass der Fisch aus den Meeren verschwindet.

Nach Ansicht von Greenpeace ist einer der Hauptgründe dafür, dass es so gut wie keine ausgewiesenen Schutzgebiete gibt – aber gerade die Erholung der Meere muss im Zentrum der Reform stehen. Nur so kann die Artenvielfalt im Meer gerettet werden. Und nur durch konsequenten Meeresschutz lässt sich auf längere Sicht auch die Versorgung mit Fisch sichern. Das bedeutet: Die EU darf keine höheren Fangquoten festsetzen als wissenschaftlich empfohlen; was aber immer wieder gemacht wird. Flottengröße und Fangzeitraum müssen sich an den vorhandenen Fischbeständen orientieren. Dafür sind die besten verfügbaren Informationen. heranzuziehen. In besonders schützenswerten Gebieten muss die Fischerei verboten sein. Dazu gehören unter anderem Laich- und Fütterungsgebiete. Generell sollte nur kommerziell fischen dürfen, wer die Umwelt nicht schädigt. Eine entsprechende Prüfung muss der Genehmigung vorangehen. Aber so weit will die EU offenbar nicht gehen.

Und nicht zuletzt: Jegliche Fischerei, die Herkunft aller Fischprodukte, alle Entscheidungen müssen transparent und rückverfolgbar sein, denn eines der schlimmsten Übel ist die illegale Fischerei; so ist der in der EU gebräuchliche Terminus „Illegal, unreported and unregulated (IUU) fishing“ (zu deutsch etwa: illegale, nicht gemeldete und nicht regulierte Fischerei).
http://de.wikipedia.org/wiki/Illegale_Fischerei

Kriminalität auf hoher See
Als Illegale Fischerei wird in der Hochseefischerei der Fischfang durch diejenigen Schiffe und Mannschaften bezeichnet, der gewerblich ohne die erforderliche Lizenz betreiben wird; Greenpeace bezeichnet solche illegalen Fischer auch treffend als Piratenfischer. Mit diesem Begriff wird auch ein Zusammenhang mit einem Problem erkennbar, das seit Neustem allenthalben die Medien beschäftigt – allerdings ohne wirklich Hintergründe und die Beteiligten zu nennen; auch die EU spielt eine unrühmliche Rolle.

Die Piratenfischer umgehen internationale Fischereiabkommen, indem sie ihre Fangschiffe in Billigflaggen-Ländern registrieren lassen oder ganz ohne Flagge, Länderkennzeichen und Namenszug fahren. Sie besitzen industrielle Fangschiffe und jagen bevorzugt dort, wo Kontrollen die Ausnahme sind, etwa im Südpolarmeer oder vor Westafrika, wo die Regierungen nicht über die Mittel verfügen, ihre Küstengewässer ausreichend zu kontrollieren. Die Schiffseigner sitzen vor allem in Europa, Japan, der Volksrepublik China und den USA. Greenpeace schätzt, dass rund 1200 industrielle Fangfahrzeuge illegalen Fischfang betreiben.

Seit dem Sturz der somalischen Regierung 1991 werden die Hoheitsgewässer vor Somalia nicht mehr überwacht. Seither betreiben ausländische Fischtrawler, insbesondere aus der EU, Russland und Asien illegalen Fischfang in diesen Gewässern. Die Eindringlinge vertrieben die Boote einheimischer Fischer, beschossen deren Insassen mit Wasserkanonen, kappten ihre Netze und nahmen dabei selbst den Verlust von Menschenleben in Kauf. Wie die Organisation East African Seafarers' Assistance Programme (SAP) berichtet, welche in den meisten der Schiffsentführungen vor der somalischen Küste vermittelt, ist das illegale Fischen die Wurzel für die Piraterie, da sich die einheimischen Fischer anfangs bewaffneten und versuchten, die ausländischen Piratenfischer zu vertreiben.

Nachdem maritime Milizen zunächst illegal fischende Trawler aufgebracht und "Lizenz-Zahlungen" für deren Schwarzfischerei erhoben haben, wurden später auch Handelsschiffe gekapert. Zwischenzeitlich profitieren die illegalen Fischer vor Somalia von der „Operation Atalanta“ (von der EU durchgeführt) zum Schutz der Seefahrt vor Somalia und die Piraterie vor Somalia ist ein Geschäft des organisierten Verbrechens. Die UN hat schon vor Jahren einen Aktionsplan zur Bekämpfung der Piratenfischer aufgestellt und die EU ihrerseits hat am 10. Oktober 2007 ebenfalls ein Konzept für ihren Zuständigkeitsbereich vorgelegt. ( Dokument KOM 2002/180 http://ec.europa.eu/cfca/index_en.htm ) - das sie also mit „Atalanta“ selbst bekämpft.

Diese Regeln wurden nach und nach aufgestellt, um ein kohärentes System zu schaffen, das das Problem der Piratenfischerei umfassend angehen soll. Beispielsweise ist auf Initiative der EU in der RFO, die für die internationalen Gewässer des Nordostatlantiks zuständig ist (NEAFC), im Mai 2007 ein neues Schema für Hafenkontrollen in Kraft getreten. Diese Vorgehensweise setzt voraus, dass der Staat, in dem sich der Hafen befindet, die Entladung erst erlaubt, wenn das Flaggenland bestätigt hat, dass das Fischereischiff über eine ausreichende Quote für den Fisch an Bord verfügte, dass diese Fänge im nationalen Kontrollsystem eingetragen wurden und dass das Fanggebiet mittels der Informationen, die man über das satellitengestützte Schiffsüberwachungssystem erhalten hat, überprüft wurde. Ohne diese Bestätigung erteilt das Hafenland keine Genehmigung für die Entladung. Dieser Regelung haben sich am 01.09.2009 insgesamt 91 Staaten – innerhalb der FAO – angeschlossen.

Das System setzt aber weiter voraus, dass die Piratenfischer mit ihren Fangschiffen überhaupt einen Hafen anlaufen! Oft werden illegale Fänge, direkt auf dem Schiff verarbeitet, auf hoher See umgeladen; es gibt ernstzunehmende Berichte die meinen, dass das schon die Regel sei. So wird das gut gemeinte Schema, als ein grundlegendes Instrument gegen die Entladung von illegal gefangenem Fisch, einfach unterlaufen. Hauptbeteiligte solcher Praktiken: Schiffe der EU. Auf solche Schiffe wird keine Jagd gemacht und niemand bekommt Lizenzen entzogen.

Die Partnerschaftsabkommen mit den Entwicklungsländern sollen es ermöglichen, diesen bei der Verbesserung ihrer Infrastrukturen, ihrer Kontrollmittel und ihren gesetzlichen Rahmen für die Bekämpfung der illegalen Fischerei zu helfen. In diese Richtung gehende Initiativen laufen bereits, insbesondere im westlichen, östlichen und südlichen Afrika sowie im Pazifik. Fortschritte sind auch auf regionaler Ebene möglich, wie es die vor kurzem stattgefundene Einführung eines regionalen Aktionsplans für den Indischen Ozean gezeigt hat. Allerdings versickert ein beträchtlicher Teil der Hilfen (von der EU billigend in Kauf genommen – ansonsten wären die Herrschaften naiv) in dubiosen Kanälen

Es geht um das große Geschäft
Das Problem der illegalen Fischerei ist enorm, meint OECD-Fischerei-Experte Michael Lodge. Bis zu einem Fünftel der weltweiten Fänge sollen demnach ohne Berechtigung aus den Meeren entnommen werden, sagte sie zu BBC-Online. 2005 hat das britische Department for International Development den Wert der illegal entnommenen Fische hochgerechnet und war auf eine Summe von jährlich neun Mrd. Dollar gekommen. Wie dramatisch die Situation ist, zeigt sich am Beispiel des westafrikanischen Staates Guinea während einer einmonatigen Expedition von Greenpeace und der Environmental Justice Foundation. In dieser Zeit hatte rund die Hälfte der vor der Küste des westafrikanischen Landes aufgegriffenen 92 Schiffe keine Lizenz.

"In Wirklichkeit kennt man die Ausmaße der illegalen Fischerei nicht", meint Bours. Die Zahlen und Daten wären Schätzungen. Eine Quantifizierung sei sehr schwer. Eine neue EU-Richtlinie gegen die illegale Fischerei, tritt erst am 1. Jänner 2010 in Kraft, sie fordert eine genaue Bezeichnung über den Fisch, der in Europa auf den Markt kommt. Eine ähnliche Regelung wird es auch für den US-amerikanischen Markt geben. Damit werde der illegalen Fischerei die Möglichkeit genommen, ihre Produkte auf den größten Märkten zu verkaufen. "Das ist eine sehr effektive Methode", meint die Expertin. Für China und Japan gebe es solche Richtlinien nicht.

Zum Schluss
Anlass für diesen Artikel ist der Wunsch Islands der EU beizutreten. Islands Fischer sind das Rückgrad der Wirtschaft auf der Insel im Nordatlantik. Ich kann es nicht nur gut verstehen, dass sie dem EU-Beitritt äußerst kritisch gegenüber stehen, sondern ich begrüße das ausdrücklich. So wie uns das kleine Volk auf diesem weit entfernten Außenposten Europas gezeigt hat wie man mit den Finanzhaien umgeht, so sollen sie der EU zeigen wie man nachhaltig Fischerei betreibt und den Beitritt von der Einhaltung IHRER Standards und der Erhaltung der Arten abhängig machen.

Bei fortschreitender Klimaerwärmung und der damit verbundenen maritimen Veränderungen im Eismeer, wird die EU großes wirtschaftliches, strategisches und politisches Interesse an Island haben; z.B. wenn sich die Nord-West-Passage öffnet, wenn Island als Polanrainer Zugang zu Öl- und Gasvorkommen bekommt oder die immense geographische Ausdehnung, welche die EU dann hinzugewinnt. Mit diesen Pfunden muss Island – auch im Interesse des Artenschutzes in dem Ozeanen – wuchern; in Verbindung mit den Gutmeinenden in der EU (die schon lange die marode, hoch subventionierte und ineffektive Fangflotte verkleinern oder ganz abschaffen will) sollte „ein Schuh daraus werden“.

Wir müssen endlich einsehen, dass es die „wundersame Brotvermehrung“ einfach nicht gibt (und so jemand der das angeblich schon einmal geschafft haben soll, weit und breit nicht zur Verfügung steht). Wir können mit zwei Fischen nicht Tausende sättigen – was im übertragenen Sinne bedeutet, dass es die Menschheit auch beim Fisch mit einer endlichen Ressource zu tun hat. Nicht Wundergläubigkeit führt zu akzeptablen Ergebnissen, sondern nur die Vernunft (zu der die Menschheit grundsätzlich fähig ist – sie aber nicht oft einsetzt). Wenn wir uns eine Zukunft ohne Fisch vorstellen wollen oder können, müssen wir einfach weitermachen wie bisher. Anderenfalls aber… müssen wir was ändern und z.B. Organisationen unterstützen, die den Politikern Druck machen.


Wilfried John


Weitere Informationen und Beteiligungsmöglichkeiten bei:

http://oceans.greenpeace.org/de/unsere-ozeane/ueberfischung

http://www.wwf.de/unsere-themen/meere-kuesten/fischerei/


icon1 Re: Fünf Brote und zwei Fische… – Über Einbildungen der Hochseefischerei Datum: 25.11.2009, 09:39
Wilfried John (Silber Super-Member)
Ergänzung

Aqua-Kultur – Sargnagel statt Rettungsanker
Wenn der Fischfang im Meer zurückgeht, warum die benötigten Fische nicht einfach züchten? Tatsächlich ist die Aqua-Kultur der am stärksten wachsende Zweig der Fischereiwirtschaft. Bei Lachsen stammt inzwischen der Großteil der bei uns gehandelten Fische aus der Zucht. Doch die intensive Haltung erfordert viele Medikamente, und nicht gefressenes Futter verrottet auf dem Meeresgrund. Krankheiten der in schwimmenden Netzen gehaltenen Fische greifen auf die Wildbestände über und entflohene Zuchtlachse verändern die genetische Ausstattung der wildlebenden Bestände. Und das sind nur einige der Probleme, die durch die Zucht von Fischen im Meer entstehen können.

In kleinem Rahmen ist durchaus eine Umstellung auf biologisch einwandfreie Haltung der Fische möglich. Aber niemals der Ersatz für die riesigen Mengen der derzeit noch im Meer gefangenen Fische. Das größte Problem ist die Ernährung der Zuchttiere. Um ein Kilogramm Zuchtfisch zu erzeugen, benötigt man rund vier Kilogramm Futter. Da fast alle Speisefische Raubtiere sind, benötigen sie tierisches Eiweiß, also wiederum Fisch. Um nur die derzeit von den Fischern erbeuteten Wildfische zu züchten, bräuchte man somit die vierfache Menge Fisch als Futter aus dem Meer, insgesamt gewaltige 320 Millionen Tonnen jährlich!

Besonders haarsträubend sind Entwicklungen bei der Haltung von Thunfischen in Aqua-Kultur. Diese können nicht wie etwa die Lachse einfach nachgezüchtet werden. Daher fängt man wildlebende Jung-Thune und mästet sie in großen Netzen mit wertvollen Speisefischen. Die erwachsenen Thunfische kommen dann für viel Geld auf die Luxusmärkte der Welt. Problem ist, dass diese "Zuchtfische" bei ihrem Fang nicht zu den ohnehin schon viel zu hohen Fangquoten hinzugerechnet werden. In ihren Käfigen haben sie aber, ebenso wie die gleich beim Fang getöteten Thunfische, niemals die Möglichkeit für Nachwuchs zu sorgen. Solcher Raubbau an der Natur wurde bislang von der Europäischen Union (EU) sogar gefördert, aber wenigstens nicht aus dem Fischereietat, wie Experten versicherten.

Alternativen
Bei all den Problemen der Intensivhaltung von Fischen erscheint es viel sinnvoller, einfacher und gesünder, wild gefangenen Fisch zu essen. Nur sollte er vernünftig und nachhaltig befischt werden und Zeit bekommen, sich wieder zu vermehren. Um Kaufentscheidungen zu erleichtern dient im Allgemeinen ein glaubwürdiges Ökosiegel. Ein solches Siegel, also ein Zertifikat für Fisch, Fischprodukte und Meeresfrüchte, die nach klaren Umwelt- und Sozialkriterien gefangen wurden, sind nach strengen Kriterien zu vergeben: Eine verantwortungsvolle Fischerei darf weder zu Überfischung noch zu einer Zerstörung von maritimen Lebensräumen führen.

Leider ist die Vergabe von Ökosiegeln gerade für Meeresfisch äußerst schwierig. Oft können nur kleine Fischereien wirklich als ökologisch bezeichnet werden; wie z.B. die von Island. Es gibt mittlerweile einige Siegel, mit denen man sich beim Kauf von Fisch orientieren kann. Eines davon kümmert sich um Wildfisch und wird von Marine Stewardship Council vergeben. Dies ist eine Organisation die vom WWF und dem Lebensmittelkonzern Unilever ins Leben gerufen wurde. Ziel ist die Zertifizierung von nachhaltig betriebener Fischerei. Produkte können mit diesem Siegel ausgezeichnet werden. Die deutschsprachigen Seiten des MSC stellen die Grundlagen des MSC dar und bieten Hilfen für den Einkauf. http://www.msc.org/de

Ich selbst bin leidenschaftlicher Liebhaber von allem was aus dem Meer kommt und lecker zubereitet werden kann. Dennoch vermeide ich es übers Jahr größtenteils dieser Leidenschaft zu frönen. Ich erfülle mir meine Genusssucht lieber wenn ich im Urlaub am Meer weile und kaufe dann entweder bei lokalen Fischern ein oder bevorzuge Restaurants die das tun. Sollte mir unterjährig der Sinn nach Fisch stehen, muss es nicht zwangsläufig Seefisch sein; eine Forelle ist auch lecker. Die auf dem deutschen Markt führenden Biolabel „Naturland“ und „Bioland“ haben in der WWF-Untersuchung gut abgeschnitten. Naturland zeichnet sich durch anspruchsvolle soziale Kriterien, Bioland durch hohe Umwelt- und Tierschutzstandards aus (diese Siegel gibt es auch in Österreich und der Schweiz). Soll es dann doch einmal etwas aus dem Meer sein (Muscheln, Shrimps oder Ähnliches), dann richte ich mich nach dem Fischratgeber meiner Organisation: http://www.greenpeace.ch/de/themen/meer/fischerei/fischratgeber/

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