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Thema: Unsere Reporter berichten... *** Zu Besuch beim Antiquar Werner Singer

icon1 Unsere Reporter berichten... *** Zu Besuch beim Antiquar Werner Singer Datum: 16.04.2013, 03:38
Jurgars (Senior Full Member)
Qualität aus der Vergangenheit
Oder: Ein Vermittler an die folgende Generation

SCHAFFHAUSEN. Werner Singer, Antiquar und Begründer der Galerie
«tabouret» ist seit fünf Jahren an der Hintersteig 3 in Schaffhausen
anzutreffen. Ein Gespräch über Gebrauchsgegenstände, Keramiker
Gustav Spörri und die Faszination des Vergangenen.


In der Galerie «tabouret» scheint alles wie von einer magischer Hand
aufeinander abgestimmt. Ein dankbarer Raum: lichtdurchflutet und mit
einer hohen Decke gesegnet. Egal wo man hinblickt hat jedes der
Alltagsgegenstände einen würdigen Platz gefunden. In der Mitte des
Raums, ganz zentral, eine lederne schwarze Totzeks De Sede-142 Liege.

Dreistigkeit und ein Pavatex Schrank

Durch besondere Lebensumstände ist Werner Singer Antiquar geworden.
Sein erstes erworbenes Stück war ein Schrank. Es war die «Dreistigkeit»
des Designers Kurt Thut das ihn zu diesem Beruf bewegte. Thut wollte
etwas Besonderes bauen und schuf 1953 einen kecken Schrank mit
Flächen aus dem Billigstprodukt Pavatex.

Vater Thut, Möbelschreiner in Möriken, übernahm die Produktion.

Sind Sie ein Nostalgiker Herr Singer?

«Ich bin ein schlechter Konsument. Vieles was heute produziert wird, ist
nicht unbedingt notwendig. Wenn Sie die Qualität, welche in der
Vergangenheit zu finden ist, meinen, dann bin ich einer» - und zeigt auf
einen Kreuzzargenstuhl von Max Bill.

Wenn man Ihr Geschäft betritt scheinen alle Möbel und Objekte
miteinander im Dialog zu stehen. Wie ist das möglich?

Werner Singer lächelt: «tabouret hat sich einer stilistischen Epoche
verschrieben, die eigentlich noch keinen populären Namen hat. Man
spricht von der Nachkriegsmoderne, dem mid-century modern oder dem
neuen Bauhaus.

In der Schweiz war dies die Epoche der Guten Form. Das waren die 50er
und 60er Jahre, als der Schweizerische Werkbund unter Führung von Max
Bill das einheimische Möbelschaffen alljährlich beurteilte und prämierte.

Und zwar nach den Werkbund-Kriterien Schlichtheit, Materialgerechtigkeit
und Funktionalität. So entstand eine Schweizer Möbeltradition, die wegen
ihrer Klarheit und Unaufgeregtheit auch internationales Ansehen
gewonnen hat.»

Alle Ihre Stücke kommen also aus jener Zeit. Wer schätzt und kauft denn
solche Objekte, die oft sehr schlicht erscheinen und doch nicht ganz billig
sind?

«Sie haben Recht, der Prestigewert unserer Möbel ist nicht augenfällig.
Der Kenner allerdings schaut auf etwas anderes: ob sie nach wie vor
gebrauchsfähig sind und ob sie schön gealtert sind. Solche Kennerschaft
findet sich auch in der jüngeren Generation, besonders bei den
Angehörigen schöpferischer Berufe.

Man erwirbt mit einem solchen Möbelstück einen Gebrauchsgegenstand,
zugleich aber auch einen Zeitzeugen, der von den Träumen und Idealen
der Grosselterngeneration Zeugnis gibt.»

Holzeisenbahn von Antonio Vitali

Besonders am Herzen liegt Werner Singer eine Holzeisenbahn des
Schweizer Spielzeugdesigners Antonio Vitali aus verschiedenen Hölzern.
Typisch für ihn sind Rundungen, weil Spielzeuge unvermeidlich zu Boden
fallen und wenn etwas abbrechen würde, würde das Kind sich betrogen
fühlen.

«Ich habe den Preis so hoch angesetzt, dass diese Eisenbahn mir noch
lange erhalten bleibt.» Trotz vielen Einzelstücken in seinem Laden ist der
Antiquar kein Sammler. Er sieht sich eher als Vermittler an die folgende
Generation mit dem Wissen um die Qualität die darin steckt.

Wie kommen die Möbel zu Ihnen?

«Da ich nun schon fünf Jahre in diesem fabelhaften Lokal an der
Hintersteig ansässig bin, habe ich mir ein gewisses Vertrauen erworben.
Immer wieder tritt jemand zur Tür herein und bietet mir einen
Familienschatz an, welcher Jahrzehnte in der Familie benutzt und in Ehren
gehalten wurde und welchem nun ein zweites Leben zu wünschen ist.

Die Namen der betreffenden Designer sind oft in den Familien den Eltern
wie den Kindern geläufig gewesen: Willy Guhl, Hans Eichenberger, Max
Bill, Kurt Thut, Baltensweiler und manche andere.»

Architektenszene und die Nachbarn

Können Sie davon leben?

«Es läuft mal besser und mal weniger gut.» Singers Kunden suchen keine
Prestigesachen. Es sind Menschen mit einem gestalterischen Hintergrund,
die sich für die Vorgeschichte und die Hintergründe interessieren: Zürcher
Architektenszene, oder junge Designer und Fotografen-Generation.

Auch die Nachbarn haben den Laden besucht und zahlreiche Stücke
erworben.

Gebrauchsspuren sind Zeugnisse

Wenn an den Gegenständen der Zahn der Zeit genagt hat, werden
Restaurationen sanft vorgenommen unter dem Ziel der authentischen
Erscheinung. Anders liegt der Fall, wenn die Funktion nicht mehr gegeben
ist.

Dann wird eine Person aus einem Kreis von Handwerkern herangezogen.
«Gebrauchsspuren haben unsere Sympathie, denn sie sind Zeugnisse
von gelebtem Menschenleben. Wir wollen sie nicht auslöschen.»

Sie haben, wenn ich richtig vermute, etwa den gleichen Jahrgang wie
Ihre Möbel mit denen Sie hier umgehen. Wie kam es denn zur Eröffnung
der Galerie tabouret?

«Ich bin tatsächlich ein Spätberufener im Umgang mit Kunstobjekten. In
vorheriger Tätigkeit war ich als Notfallpsychologe Mitglied eines Teams,
welches rund um die Uhr bereit stand, um bei plötzlichen Todesfällen den
betroffenen Angehörigen beizustehen.

Eine Arbeit die, wie Sie sich vorstellen können, belastend und
befriedigend, beides in hohem Masse, war. Wenn nun heute mein
Diensthandy klingelt, kann ich es langsam angehen lassen, denn es
kommt keine Schreckensmeldung herein, sondern meistens eine Nachricht
mit erfreulichen Perspektiven.»

Hommage an Gustav Spörri

Von Keramiker und Künstler Gustav Spörri stehen vier Vasen in einer
Vitrine. Das neuste Buch «Begegnungen mit Gustav Spörri 1902-1976»,
Hommage an einen beinahe in Vergessenheit geratenen Schweizer
Keramik-Künstler, wird hier zum Kauf angeboten.

Im Buch - ein Zitat von Emil Wachter: «Ton ist der einzige Werkstoff der
Welt, der für die Kunst durchs Feuer geht und nicht verbrennt, sondern
aufersteht.»

Werner Singer schwärmt und wird kritisch: «Nie blieb Spörri in seinen
Gestaltungen stehen, nichts wurde zur Masche. Da schritt ein Suchender
Jahr um Jahr vorwärts aus einer inneren Notwendigkeit. Eine wahre
Künstlerseele.

So verdient Spörri, zu den Grossen seiner Zunft und seiner Epoche
gezählt zu werden. Das macht ihn möglicherweise zu gross, zu sperrig für
die Ansprüche des Stadt- und Kulturmarketings seiner Wirkungsstätte
Schaffhausen, wo man gern in der eigenen Kleinheit die eigene Grösse
erblickt. Schade, denn gerade Spörri könnte helfen, den Blick zu heben.»

Herr Singer, herzlichen Dank für das Gespräch.


Jurga Wüger
© Text und Fotos von Jurga Wüger



Werner Singer beschreibt eine Vase von Gustav Spörri. Auch wenn diese klein ist, so zeigt sie doch
alle Merkmale seiner Meisterschaft


Ein kleines Lieblingsstück: Holzeisenbahn des Spielzeugdesigners Antonio Vitali aus verschiedenen
Hölzern


BEGEGNUNGEN MIT GUSTAV SPÖRRI 1902-1976

Buchlegende: Markus Strübin
Begegnungen mit Gustav Spörri
Keramik-Arbeiten, Zeichnungen, Fotos.
272 Seiten mit über 400 Abb.,
ISBN 978-033-03643-7
erhältlich bei tabouret (CHF 150.-)




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