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Thema: Im Literaten-Café *** Valentinstag 2012
nike (offline)
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Beiträge: 13
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Mitglied seit: 07.11.2011

Deutschland
icon1   Im Literaten-Café *** Valentinstag 2012 #1 Datum: 17.02.2012, 20:29  

Valentinstag 2012

„Was soll ich denn anziehen? Was meinst du?“ Sie wedelte mit einer
Auswahl von Kleidern dem wohl ungeeignetsten Kandidaten für derart
heikle Probleme, ihrem Ehemann, vor den Augen herum.


Im Wohnzimmer saß er auf der Couch, die Fernbedienung griffbereit und
schaute gerade angestrengt in die Programmzeitschrift. Mit einer weit
ausholenden Geste seines linken Armes, den er offensichtlich nicht zum
Biertrinken benötigte, schloss er großzügig alle Kleider ein, die sie ihm
zerknirscht und mutlos präsentierte.

„Nimm das graue! Das trägt nicht so auf.“ Damit war er wieder voll bei der
Programmzeitschrift, setzte das Bier ab und rülpste dezent.

Sie stand da und konnte es nicht fassen. Er hatte nicht einmal ihre
Auswahl angeschaut! Er missachtete sie und ihre Bedürfnisse. Das ‚graue‘
war gar nicht in ihrer Auswahl an Kleidern vertreten. Sie hatte tatsächlich
ein wenig zugenommen und da passte sie in das graue nicht mehr hinein;
deshalb hatte sie es aussortiert.

Genauso, wie er sie anscheinend aussortiert hatte.

„Ist noch etwas? Ich will nachher noch einmal weg. Ist das ok?“ Er hatte
nicht einmal ein schlechtes Gewissen, sprang von seinem Sitz auf und
streckte sich. Sie stand immer noch da, hielt die Kleider in ihren
ausgestreckten Armen.

„Dann nimm doch das grüne!“, er war jetzt etwas näher gekommen und
fischte das grüne Kleid aus ihrem Angebot.

„Das hast du doch nur ausgesucht, weil du genau weißt, dass es mir nicht
mehr passt!“ Er zuckte mit den Schultern und verzog sich in Richtung
Küche.

27 Jahre Ehe, drei Kinder und der tägliche Kampf um das Erziehen zur
Ordnung ihrer vier Männer hatten sie zermürbt. Es wohnten ja nur noch
zwei Männer daheim: ihr Mann Hans und Sohn Knut, 22 Jahre alt aber ein
fast ausgewachsener Pascha.

Wenn sie ihren Mann zu einigen Erziehungsaufgaben heranzog, winkte er
ab und widersetzte sich.

„Lass ihn doch. Er meint es nicht böse. Er ist doch unser jüngster. Willst
du ihn vergraulen?“ Darum ging es doch gar nicht! Er sollte sich auch
einmal um das Haus kümmern, er sollte sehen, wie sie sich abschuftete,
um es hier gemütlich zu machen.

Er sah überhaupt nichts und bemühte sich höchstens, wenn es um die
richtige Wahl der Biersorte ging. Und meistens war er sich mit Knut einig,
dass Faulenzen angesagt war. Sie hätte heulen können, doch den
Triumph wollte sie ihm nicht bieten.

„Na, dann nehme ich das rote mit dem tiefen Ausschnitt.“ Sie hatte es
leichthin gesagt, aber sie sah sehr genau, dass sein schlendernder Gang
auf dem Weg in die Küche stockte.

„…das rote?“, fragte er gedehnt.

„Ja, was dagegen?“, fragte sie schnippisch zurück und freute sich
insgeheim, dass sie ihn aus der Reserve gelockt hatte. Er drehte sich
nicht einmal zu ihr um, sondern ging, mit den Hüften übertrieben
wackelnd, weiter in die Küche.

„Nö. Wer kommt denn alles?“ Es war der 13. Februar, morgen war
Valentinstag und ihr ehemaliger Klassensprecher der damaligen 10a der
Realschule hatte zu einer Wiedersehensfeier ihres gesamten Jahrgangs
eingeladen.

Alle Mitschülerinnen und Mitschüler sollten mit ihren Partnern kommen.
Hans hatte mürrisch abgewunken.

„Keine Lust. Da spielt Bayern und das will ich sehen.“ Klar! Bayern war
natürlich wichtiger, als ihr den kleinen Gefallen zu tun und mit ihr auf
diese Party oder das Tanzvergnügen zu gehen. Dabei wäre es gut
gewesen, wenn sie beide einmal herausgekommen wären.

Einmal mit alten Freunden und Weggefährten sprechen, fragen, was sie
so machten in ihrem Leben. Die Rückmeldungen auf die Einladung waren
unglaublich. Von den ehemals 23 Abschlussschülern hatten 18 mit ihren
Partnern zugesagt.

Sie freute sich auf das Wiedersehen und war gleichzeitig aufgeregt. Wie
hatten sich wohl alle verändert? Und was machte wohl der damalige
Schwarm der Mädchen Walter Iggenpohl?

Jetzt, mit 48 Jahren hatte er sich bestimmt verändert. Er konnte sooo gut
tanzen damals: Lateinamerikanische Tänze, Foxtrott und Rumba! Es war
himmlisch, in seinen Armen zu liegen. Und er roch nach einem tollen
Parfum oder Aftershave.

Sie erinnerte sich und musste lächeln. Es waren sechs Mädchen, die um
ihn gebuhlt hatten und er war mit keiner gegangen. Dabei hatte sie die
größten Chancen bei Walter.

„Na, was gibt’s zu lächeln? Ist alles ok? Ich geh dann mal los. Tschüs bis
später. Ich bin gegen 22.00 Uhr wieder zurück.“

„Warum hast du dich denn rasiert und die Zähne geputzt?“ Misstrauisch
betrachtete sie ihren Göttergatten, der ein wenig errötete und nur
murmelte:

„Ach, nur so. Vielleicht sind auch ein paar Frauen dabei.“

„Aha! Und wenn du mit mir ausgehst, musst du dich natürlich nicht
rasieren oder ein Aftershave auflegen. Da tut’s auch Nivea?“ Sie war
sauer und eifersüchtig.

„Was hast du gegen Nivea?“

„Fährst du mich denn morgen zum Treffpunkt?“

„Treffpunkt? Was für ein Treffpunkt? Ach ja! Die Wiedersehensfeier… Nee,
du, das geht nicht. Ich bin morgen noch mal mit dem Chef unterwegs.
Knut fährt dich.“

„Aber Hans! Du kannst mich doch nicht alleine dahin gehen lassen!“ Sie
hätte schon wieder heulen können. Hans zog nur die Schultern ein wenig
hoch, küsste ihren Nacken und hatte schon die Haustüre hinter sich
geschlossen. Schwarze Schuhe hatte er auch angezogen! Schwarze
Schuhe?

Die zog er nie an, wenn er mit den anderen Männern aus der Firma
ausging. Da hatte er immer Turnschuhe an. Auch reichte meistens ein T-
Shirt. Und heute war er richtig herausgeputzt. Wenn sie es recht
bedachte, war er schon seit einigen Wochen bei den Ausgängen mit
seinen Männern anders angezogen.

Immer wieder fein gekleidet und rasiert war er auch immer… Was
bedeutete das denn? Hatte er etwa ein Verhältnis? Sie lehnte sich mit
dem Rücken an die Wohnzimmertüre.

„Wann gibt’s Essen, Mama?“, Knut fragte und krümelte von einem
Brötchen abbeißend auf den Teppich.

„Du isst doch gerade.“

„Ja, aber nur so zwischendurch. Nicht richtig. Also, wann gibt’s Essen?
Und was hast du Leckeres gekocht?“ Erwartungsvoll schaute er sie an.
Meine Güte, dachte sie. 22 Jahre und so unerwachsen wie ein junger
Hund. Wenn er sich nicht bald ändert, wird das nichts mehr mit einer
Freundin oder Frau und dann bleibt er hier in der Wohnung, bis er in
Rente geht. Was für eine Vorstellung!

„Was ist Mama? Bist du böse?“, und er krümelte weiter auf den
Teppichboden.

„Nein, mein Junge. Alles ok. Kannst du dir nachher auch einmal ein neues
Hemd anziehen? Das ist doch bestimmt schon drei Tage alt.“

„Nee, fünf!“

Sie hörte ihren Hans nicht nach Hause kommen, war schon eingeschlafen.
Am nächsten Morgen war er schon früh aufgestanden und verschwunden,
als sie sich für den Halbtagsjob in der Bäckerei fertigmachte.

Die ganze Zeit dachte sie daran, ob er wohl ein Verhältnis habe und wie
sie das herausfinden könne.

Als sie gegen 18.00 Uhr nach Hause kam, duschte sie ausgiebig und
machte sich schick. Das rote Kleid sollte es sein und sie sah richtig toll
darin aus! Obwohl, es war etwas eng…an einigen Stellen aber nur.

Es war schon ein wenig gewagt, aber… Ich mache es! Sie stampfte vor
ihrem Spiegelbild im Schlafzimmer mit dem Fuß auf. Ihre langen, dunklen
Haare flogen und sie sah angriffslustig aus, fand sie. Genau richtig!

„Knut, wir müssen los!“ Keine Antwort von ihrem Sohn. Sie suchte ihn und
fand den jungen Mann im Wohnzimmer vor dem Fernseher schnarchend.
Er schnarchte! Es war 20.00 Uhr und sie hätte ihm am liebsten eine
gescheuert.

„Knut! Wir müssen los!“

„Was, wer, wie? Ist ja schon gut. Ich fahr dich doch.“ Und er beeilte sich
tatsächlich, holte den Wagen und ließ sie einsteigen. Sie übersah seine
anerkennenden Blicke.

„Konzentrier dich auf die Straße!“ Er grinste und ließ sie vor der Diskothek
aussteigen.

„Bringst du mich nicht hinein?“, fragte sie. Das war ja wohl das allerletzte!
Jetzt musste sie ganz allein in diesen Laden gehen, während alle
anderen Ehemaligen mit ihren Partnern kamen.

„Nee, ich muss weiter.“, grummelte er und fuhr sofort, nachdem sie
ausgestiegen war, mit quietschenden Reifen los. Eine Anzahl von
Ehemaligen drehte sich zu ihr um.

„Anja! Bist du es wirklich? Toll siehst du aus!“ Sie freute sich über das
Kompliment, konnte aber nicht erkennen, wer dieser Ehemalige war. Ein
dicklicher Halbglatzenträger, edel gekleidet und mit einem etwa
20jährigen Bürschchen an der Hand stolzierte auf sie zu.

„Ja kennst du mich nicht mehr? Ich bin’s, der Walter. Und das ist Jerome,
mein Freund.“ Walter hatte einen leicht näselnden Klang in seiner Stimme
und begleitete sie lustig plappernd in die Disko. Sein Freund Jerome folgte
gelangweilt.

Es war bereits voll und alle waren da! Wirklich alle! Sie wurde begrüßt
und es war nach kurzer Zeit des Wiedersehens fast wie früher. Nur die
ständige Frage nach ihrem Mann und warum er nicht mitgekommen sei,
konnte sie nicht mehr hören und wurde mit zunehmender Zeit
unglücklicher.

Gegen 22.00 Uhr rief der ehemalige Klassensprecher und Organisator des
Festes, Martin Wiegand, zu einem Tanzwettbewerb auf.

„Liebe Mitschülerinnen und Mitschüler! Wir waren damals eine Klasse, in
der alle tanzen konnten, haben gemeinsam einen Tanzkurs absolviert
und heute Abend wollen wir den besten Tänzer und die beste Tänzerin
küren. Es sind doch alle Partner mitgekommen?“

Ein lautes „Jaaa!“, schallte ihm entgegen und Anja wäre am liebsten im
Boden versunken. Während die Musik einsetzte, wollte sie schnell das
Weite suchen. Der Lichtkegel war jedoch voll auf sie gerichtet.

„Anja, du warst damals die beste Tänzerin. Deshalb sollst du mit deinem
Mann beginnen. Rumba bitte!“ Die Ehemaligen klatschten und johlten und
sie stand da, wie ein begossener Pudel. So eine große Peinlichkeit und
Hans war bestimmt mit irgendeiner Tusse unterwegs und ließ es sich
gutgehen.

„Ich, ich…kann nicht.“ Sie bekam es fast nicht heraus. Aber nun waren alle
Anderen ruhig und schauten sie an. Langsam löste sich aus dem dunklen
Rund der Ehemaligen eine elegante, männliche Person und kam auf sie
zu. Von dem Scheinwerfer geblendet, konnte sie den Mann nicht
erkennen.

Walter war es jedenfalls nicht, Gott sei Dank! Erst als er direkt vor ihr
stand, im Smoking, toll aussehend und nach Zahnpasta duftend, wusste
sie genau, dass sie ihn liebte, so sehr liebte, dass es fast wehtat.

„Ich habe mich doch nicht verspätet?“, fragte er mit seiner dunklen
Stimme, die sie schon damals so durcheinander gebracht hatte.

„Nein…“, war das einzige, was sie stammeln konnte. Er drehte sich dem
Scheinwerfer zu, und rief laut in die Runde:

„Am Valentinstag 1985 habe ich mich hier mit der Liebe meines Lebens
verlobt. Leider konnte ich nicht so gut tanzen wie sie, aber ich habe in
den letzten Wochen geübt und aufgeholt: Rumba, Jive und Foxtrott. Und
jetzt werden wir es euch zeigen!

Anja und ich werden diesen Wettbewerb gewinnen, weil ich die
wunderbarste und unglaublichste Frau der Welt als meine Ehefrau
gewinnen konnte. Schatz,“ er drehte sich jetzt zu ihr um und führte sie
noch etwas weiter in den vollen Lichtkegel,

„Schatz, jetzt zeigen wir einmal diesen lausigen Tänzern, wie es richtig
geht:“ Die Musik drehte auf und die Umstehenden applaudierten und
johlten. Anja hörte das alles nur wie durch einen Wattefilter. Sie hielt sich
weinend und lachend an den Schultern ihres Mannes, der Liebe ihres
Lebens fest.

Als sie alle ihre Söhne klatschend und im feinsten Anzug gewandet in der
Menge der Umstehenden erkannte, gab es kein Halten mehr und sie holte
ihre gesamte Männerschar auf die Bühne, wo sie von den Ehemaligen und
deren Partnern bis in die frühen Morgenstunden des 15 Februars 2012
gefeiert wurden.


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